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Kiel

10. Dezember 2016 | 17:43 Uhr

Versenkt : Mühlstein-Botschaft ist in Kiel unerwünscht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stadt widerruft die Genehmigung zur Aufstellung eines 1,5 Tonnen schweren Kunstwerks. Die Inschrift des „Mahnenden Mühlsteins“, der Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern thematisiert, könnte zu Missverständnissen führen.

Die Inschrift ist der Stadt zu fragwürdig und missverständlich. Der Satz, der auf dem schweren Mühlstein steht („an den Hals gehängt und in die Tiefe des Meeres versenkt“), mute alttestamentarisch an. Dem Verdacht aber, das blutige Rache-Prinzip „Auge um Auge“, Zahn um Zahn“ zu unterstützen, wollte sich die Stadt nicht aussetzen. Stadträtin Renate Treutel widerrief deshalb die Genehmigung, den Mühlstein auf dem Stresemannplatz vor der Hauptpost und dem Neuen Rathaus aufzustellen. Die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen aus dem rheinland-pfälzischen Siershahn macht seit Jahren mit dem Stein symbolisch auf die schwere Last der Betroffenen aufmerksam.

Das Projekt „Mahnender Mühlstein“ soll aber auch an die Skandale in Kirchenkreisen und die mühsame Aufarbeitung erinnern. Das 1,5 Tonnen schwere Kunstwerk mit seiner Inschrift stand erstmals im Sommer 2008 in Regensburg. Stuttgart, München, Karlsruhe, Bonn und Trier waren nur einige der späteren Stationen. Deshalb haben der Vorsitzende Johannes Heibel und seine Mitstreiter auch kein Verständnis für die kurzfristige Absage der Stadt. Doch Stadträtin Renate Treutel – sie war vorgesehen für eine Eröffnungsrede am 14. Juni – kamen offenbar starke Zweifel, als sie sich intensiv mit dem Stein und der Inschrift beschäftigte (siehe auch Bibel-Zusatz).

„Es provoziert Missverständnisse hinsichtlich einer Forderung nach der Todesstrafe für Täter“, schrieb die Stadträtin in ihrem Absage-Brief an den Vereins-Vorsitzenden Heibel und ergänzt: „Denn diese Forderung missachtet rechtsstaatliche und menschenrechtliche Grundsätze.“ Es handle sich nicht um ein passendes Zeichen für die Präventionsarbeit. Überhaupt hält sie die Verwendung einzelner, aus dem Zusammenhang gerissener Bibel-Zitate für fragwürdig. Insgesamt würde die Aktion dem „von uns gewünschten Dialog“ eher schaden.

Es hatte in der Tat bereits an anderen Orten Vorbehalte gegeben. Das räumt auch Heibel ein. So war in Leipzig die rechtsradikale NPD auf den Zug aufgesprungen und hatte die Todesstrafe für Kinderschänder gefordert. Auch aus Berlin sind kritische Töne zum Mühlstein bekannt. Ähnliches befürchtet die Stadt offenbar für Kiel, zumal der angedachte Standort nur einen Steinwurf von der Förde entfernt ist – da könnten oberflächliche Besucher auf falsche Gedanken kommen.

Von den Sympathien der rechten Seite distanziert sich Heibel allerdings scharf. Doch den Ansatz, wichtige Themen nur deshalb nicht zu diskutieren, weil sich die Nazis ihrer angenommen haben, hält er ebenfalls für falsch. Heibel ist „überzeugt, dass der überwiegende Teil der Bürger unser Anliegen versteht“ und das Jesus-Zitat auf dem Mühlstein als Gleichnis aufnimmt – und nicht als Aufforderung zur Lynchjustiz. Aufgeben will sein Verein übrigens nicht. Heibel sucht ein privates Grundstück, auf dem der „Mahnende Mühlstein“ trotz der offiziellen Absage aus dem Rathaus aufgestellt werden könnte. In diesem Fall brauchen die Initiatoren nämlich keine offizielle Genehmigung der Stadt.  
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Bibel-Zitat: Der Mühlstein trägt ein Zitat aus dem Evangelium des Matthäus (Kapitel18, Vers 6) im Neuen Testament: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt wird.“ Diese Jesus-Worte haben mit dem Missbrauch von Kindern direkt nichts zu tun, sondern beziehen sich auf den Dienst am Menschen, den Jesus von seinen Jüngern einfordert. Theologen haben „diese Kleinen“ auch mit „die Kinder“ oder „die Armen“ gleichgesetzt. Mit dem Mühlstein am Hals ist keineswegs die Todesstrafe durch Ertrinken gemeint. Das biblische Gleichnis soll vielmehr die Schwere des Vergehens verdeutlichen, wenn das Kleine, das scheinbar Unbedeutende, missachtet, verdrängt, verletzt wird.

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erstellt am 06.Jun.2016 | 22:44 Uhr

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