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Kiel

06. Dezember 2016 | 22:54 Uhr

Prozess in Kiel : Missbrauchsvorwurf gegen Ex-Olympia-Schwimmtrainer: Ehefrau mit intimen Details konfrontiert

vom

War es Missbrauch oder eine Beziehung zwischen Trainer und einer jungen Sportlerin? Es ist der dritte Prozess in dem Fall.

Kiel | Rund vier Jahre nach dem ersten Anlauf wird ein Missbrauchs-Verfahren gegen einen früheren Olympia-Schwimmtrainer neu aufgerollt. Das Berufungsverfahren startete am Montag vor dem Kieler Landgericht. Dann muss die 11. Große Strafkammer klären, ob sich der Schwimmtrainer von 2004 bis 2006 in 18 Fällen an einer von ihm betreuten jungen Sportlerin sexuell vergangen und dabei das Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt hat. Dies legt ihm die Anklage zur Last. Die Sportlerin soll befragt werden, voraussichtlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Zum Prozessauftakt kündigte der 44-Jährige über seine beiden Verteidiger an, er werde sich weder zur Person noch zu den Vorwürfen äußern. Neben ihm auf der Anklagebank nahm auch seine sichtbar schwangere Ehefrau Platz. Sie musste sich kurz darauf intimste Details der Anklagevorwürfe anhören.

Demnach verging sich der Angeklagte erstmals während eines gemeinsamen Urlaubs auf Kreta an seiner damals 16-jährigen und sexuell völlig unerfahrenen Schwimmschülerin. Bis zu neun Mal pro Woche trainierte er die junge Frau und bestimmte ihr Leben laut Anklage bis in die Essenspläne. Zu den Übergriffen kam es demnach auch in seiner Wohnung, in einem Berliner Hotel, einer Umkleidekabine im Ostseebad Scharbeutz und im Auto. Dabei soll der Angeklagte das Weinen und die Schmerzen des Mädchens bewusst ignoriert haben.

Das Kieler Amtsgericht sprach den heute 44 Jahre alten Angeklagten im November 2013 frei. Das Gericht folgte der Argumentation der Verteidigung, die von einem Liebesverhältnis ohne Missbrauch und Ausnutzung ausging. Die Staatsanwaltschaft legte umgehend Berufung ein. Sie hatte zwei Jahre Haft auf Bewährung gefordert.

„Wir gehen in der Tat davon aus, dass hier eine Verurteilung indiziert ist“, sagt Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Er ist überzeugt, dass der damalige Schwimmtrainer eine Haftstrafe zu erwarten habe. „Inwieweit die zur Bewährung ausgesetzt werden kann, wird sich zeigen.“

Der Angeklagte trainierte sie seit ihrem zwölften Lebensjahr. Spätestens seit 2003 soll sie sich „in totaler Abhängigkeit“ von ihm befunden haben. Als sie 2004 mit ihm und seiner Freundin nach Kreta zum Urlaub fahren durfte, soll es zu ersten Übergriffen gekommen sein. 2009 erstattete die heute 28-Jährige dann Strafanzeige.

Für den Sportwissenschaftler bedeutete das Verfahren das Aus als Schwimmtrainer. Sein damaliger Verein kündigte ihm fristlos. Wären die Vorwürfe früher bekannt gewesen, hätte er schon nicht mit zu den Olympischen Spielen 2012 fahren dürfen.

Nun stehen sich der Angeklagte und das mutmaßliche Opfer zum dritten Mal vor Gericht gegenüber. Ein erstes Verfahren platzte 2012 direkt vor dem Urteil, weil das Amtsgericht dem Antrag der Verteidigung auf ein Glaubwürdigkeitsgutachten stattgab. Die Vorsitzende Richterin des zweiten Verfahrens sagte in ihrem Urteil von 2013, für eine mögliche Verurteilung des Angeklagten gebe es „keine belastbaren Tatsachenfeststellungen“.

Es sei nicht auszuschließen, dass die Frau die sexuellen Handlungen im Zuge einer späteren Therapie umgedeutet habe. Die Richterin wies auch darauf hin, dass die junge Frau gegenüber ihrer Therapeutin nach deren Aussage kein Wort von Übergriffen erwähnt habe.

Für das neue Verfahren hat das Landgericht zwölf Verhandlungstage bis zum 22. Dezember anberaumt. Der Glaubwürdigkeitsgutachter ist wieder geladen.

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erstellt am 19.Sep.2016 | 11:37 Uhr

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