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Kiel

10. Dezember 2016 | 08:06 Uhr

Alphabetisierung : „Lesen macht Leben leichter“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Norden leben wohl ungefähr 250 000 Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Eine landesweite Kampagne soll jetzt bei der Alphabetisierung helfen. Neue Geräte unterstützen die Betroffenen beim individuellen Lernen.

Es gibt mehr von ihnen, als ein Tageszeitungsleser vielleicht glauben mag. Allein in Schleswig-Holstein leben schätzungsweise 250  000 Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Ihnen soll die landesweite Alphabetisierungskampagne unter dem Titel „Lesen macht Leben leichter“ (LMLL) helfen. Neben Büchern in bewusst leichter Sprache gibt es jetzt auch spezielle elektronische Info-Punkte für das individuelle Lernen. Die finanzielle Unterstützung der Sparkassen ermöglicht die Einrichtung dieser „Alpha-Points“, der „Alpha-Punkte“.

„Man kann sie relativ schlecht anschreiben“, macht Helga Jones, die Leiterin der Förde-Volkshochschule (Förde-VHS), auf das besondere Problem der lese-unkundigen Erwachsenen aufmerksam. Sie geben sich nicht gerne zu erkennen, verstecken sich häufig hinter ihrem Ehepartner, der den mühseligen Schriftkram erledigt. Oft haben sie sich auch am Arbeitsplatz arrangiert. Hier fällt das fehlerhafte Lesen und Schreiben meist erst auf, wenn es beispielsweise um Gebrauchsanweisungen für neue Geräte geht. Irgendwann wird der Druck dann so groß, dass die Betroffenen ihre tiefe Scham überwinden und um Hilfe bitten (siehe Extra-Info).

Bei der VHS laufen gegenwärtig zwei Grundkurse mit zusammen 24 Teilnehmern und ein Fortgeschrittenen-Kurs zur Alphabetisierung. „Lesen macht Leben leichter“ – das erfahren die Frauen und Männer sehr schnell. Abrechnungen und Kontobewegungen, Einladungen und amtliche Mitteilungen werden wieder lesbar, sie sind dann plötzlich kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Lesen und Schreiben lernen – das bedeutet eben auch, vom dunklen Rand der Gesellschaft wieder in die hellere Mitte zu treten.

Die neuen „Alpha-Punkte“ sollen zum Selbstlernen anregen. Die Programme sind übersichtlich strukturiert, Bilder und Logos helfen bei der Orientierung. Landesweit entstehen derzeit über 30 Anlaufstellen. In Kiel sind die Stadtbücherei und die VHS im Boot. Da können sich, wie der Bücherei-Leiter Andreas Teichert erzählt, die Betroffenen mit Laptop und LMLL-Programm in die stille Ecke zurückziehen.

Lesen ist nach Erfahrung der Experten übrigens zum Großteil Routine. Unter den „funktionalen Analphabeten“ befindet ein guter Teil von Menschen, die früher leidlich gut mit Texten umgehen konnten, diese Fähigkeit aber im Laufe des Lebens verloren haben. Feste Strukturen sind deshalb wichtig und tägliche Lese-Anregungen – auch das wird in den VHS-Kursen trainiert.  

REGELMÄSSIGE BERATUNG:
Für Menschen, die nicht (oder nicht ausreichend) lesen und schreiben können, hat die Volkshochschule (VHS) eine regelmäßige Beratungsstunde eingerichtet. Ab sofort erhalten Betroffene montags in der Zeit von 16 bis 17 Uhr bei Oliver Noelle in Zimmer A  205 bei der VHS an der Muhliusstraße 29/31 Hilfe. Telefonisch ist er

unter der Nummer 0431 / 901  -  52  17 erreichbar. Die VHS-Leiterin Helga Jones weiß um die Schwierigkeiten der Beratung. Und sie weiß auch, dass die Betroffenen diese Zeilen in der Zeitung kaum lesen können. Ihr Appell gilt deshalb Verwandten, Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen, die Kenntnis haben vom fehlenden Lesevermögen des Menschen in ihrer Nähe. Sie könnten gemeinsam mit dem Betroffenen das Telefonat führen oder ihn zu der Sprechstunde im Kieler Zentrum begleiten.

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erstellt am 01.Dez.2016 | 19:03 Uhr

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