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Kiel

07. Dezember 2016 | 19:18 Uhr

United Tribuns : Kieler Rocker kämpft um schwerkranke Tochter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aufruf zur Typisierungsaktion: Michael Behrens ist Präsident der United Tribuns in Kiel – Gina (28) braucht wegen Leukämie Stammzellspende.

Kiel | Alles dreht sich jetzt nur noch um sie, um Gina, seine Tochter. Jeden Tag besucht Michael Behrens die 28-Jährige im Städtischen Krankenhaus in Kiel. Gina ist an akuter Leukämie erkrankt. Nach fünf Chemotherapien und einer kurzfristigen Besserung kam Anfang Juli ein herber Rückschlag: Die aggressiven Tumorzellen sind zurück. Nur eine Stammzellspende kann der jungen Frau jetzt noch helfen. Ihr Vater ist kein Mann großer Worte. Über Gefühle zu sprechen, fällt ihm nicht leicht. Die Leidenschaft, die Michael Behrens sich erlaubt, gilt seinem Rockerclub, den Kieler United Tribuns, deren Präsident er ist. Tätowierungen markieren eine Härte, die er zumindest nach außen demonstriert. Jetzt sagt dieser Mann: „Man wird schon nachdenklich.“ So einen Schicksalsschlag empfindet er ein bisschen auch als Strafe, da er nicht immer anständig gewesen sei. Seit Ginas Erkrankung sei alles andere unwichtig geworden.

Wer sind die United Tribuns?

Die United Tribuns kommen aus Baden-Württemberg – eine Gruppierung, die sich selbst als eine Vereinigung aus Bodybuildern, Kampfsportlern und Türstehern bezeichnet und 2004 gegründet wurde. Schlagzeilen gab es zuletzt bundesweit – auch wegen Todesopfern nach Bandenkriegen mit Schießereien wie mit den Hells Angels in Leipzig im Juni dieses Jahres. In Kiel seien die „Tribuns“ bisher als Rocker-Vereinigung nicht negativ aufgefallen, teilt Sprecher Matthias Arends von der Polizeidirektion Kiel auf Nachfrage mit. „Dass es sie gibt, wissen wir, und wir haben auch ein Auge drauf.“

 

Es beginnt im vergangenen Jahr im September, Gina und ihr Freund Matze haben gerade ihren ersten gemeinsamen Urlaub auf Mallorca zusammen verbracht. Pulsierende Rückenschmerzen machen Gina zu schaffen. Doch die Bürokauffrau geht tapfer weiter arbeiten. Bis sie nicht mehr Autofahren kann. Als an den Beinen auch noch vermehrt blaue Flecken auftreten und sie mehrere Ärzte aufgesucht hat, geht es plötzlich ganz schnell. Ein Blut-Schnelltest verdeutlicht den Ernst der Lage – und entzieht Gina Behrens den Boden unter den Füßen. Akute Leukämie, Blutkrebs, lebensbedrohlich. Notaufnahme, Krankenhaus. Chemotherapie.

„Die Tumorzellen hatten sich zu mehr als 80 Prozent in ihrem Körper ausgebreitet“, sagt ihr Vater. „Sie hätte noch vierzehn Tage zu leben gehabt, sagten die Ärzte“. Seine Tochter, er selbst und die Familie seien in dieses Leid, das die Diagnose auslöste, „hineingefallen: Leukämie kannten wir ja nur aus dem Fernsehen.“

Ab dem Zeitpunkt verbrachte Gina Behrens viele Wochen stationär im Krankenhaus. Nach fünf Monaten sei sie frei von Tumorzellen entlassen worden. Doch das Risiko eines Rückfalls lag bei 50 Prozent. Ihre Reha-Behandlung musste die Kielerin wegen einer Gürtelrose abbrechen, auch die Blutwerte waren schlecht. Nach drei Monaten dann die erschütternde Nachricht: Bei einer Knochenmarkuntersuchung stellte sich heraus, dass sich wieder Tumorzellen massiv ausgebreitet hatten. „Und jetzt kann sie nur überleben, wenn wir einen Stammzellspender für sie finden“, sagt Vater Michael Behrens. „Sie weiß, dass sie mit dem Rücken zur Wand steht.“

Zusammen mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS hat er nun eine große Typisierungsaktion am kommenden Sonntag in Kiel organisiert. Dabei werden von möglichen Knochenmarkspendern fünf Milliliter Blut abgenommen, um sie später im Labor untersuchen zu können. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand dabei ist, der für Gina als Spender in Frage kommt, sei nicht sehr hoch, so Behrens. Aber die Chance gebe es. Und falls seine Tochter vom weltweiten Netz möglicher Knochenmarkspender profitieren könne, „sollen dies auch andere schwerkranke Menschen können“, sagt Behrens. Er sei froh, dass es eine Organisation wie die DKMS gebe. Mehr als 50 ehrenamtliche Datenerfasser, Rettungssanitäter, Krankenschwestern und Ärzte sollen am Sonntag für einen reibungslosen Ablauf sorgen – auch für das leibliche Wohl sei gesorgt, teilt die DKMS mit.

Ist der Rocker-Hintergrund ein Problem? „Das ist öffentlich bekannt, das kann ich auch nicht ändern“, sagt Michael Behrens. „Meine Tochter hat damit aber nichts zu tun.“ Sein Rocker-Netzwerk hilft Michael Behrens nun dabei, auf die Aktion in der Halle 400 aufmerksam zu machen. An dem Tag erwartet er rund 500 Unterstützer allein von den „Tribuns“ sowie Freunde aus der Biker-Szene, die „aus ganz Europa angereist kommen“. Es gehe dabei um die Sache, Wichtigtuer seien nicht erwünscht. Auch das Tragen von Kutten solle unterbleiben.

Natürlich hat die Kieler Polizeidirektion ein Auge darauf. Doch sie sieht in der Tatsache, dass Behrens sich selbst bei der Polizei gemeldet hat, ein positives Signal. „Wir sind schon eine ganze Weile im Kontakt“, erklärt Sprecher Matthias Arends auf Nachfrage. Man stehe aber noch vor einer abschließenden Bewertung – „das ist ja nicht wie ein typisches Rockertreffen“, so Arends, „daher wollen wir das auch möglich machen“. Wie eine polizeiliche Präsenz am Sonntag ausfallen könne, stehe ebenfalls noch nicht fest. Aber man werde nicht mit Hundertschaften kommen – „auch um die Teilnehmer nicht abzuschrecken“. Klar sei: „Er möchte seiner Tochter helfen“, so Arends: „Das würde wohl jeder tun.“

Typisierungsaktion am Sonntag, 7. August, 11 bis 16 Uhr, Halle 400 (Kleiner Saal); An der Halle 400 1; 24143 Kiel; DKMS Spendenkonto: Förde-Sparkasse Kiel; IBAN DE15 2105 0170 1001 9118 23; BIC NOLADE21KIE; Stichwort: Gina
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erstellt am 02.Aug.2016 | 06:00 Uhr

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