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Kiel

11. Dezember 2016 | 05:16 Uhr

Achille Demagbo : Kieler AfD-Kandidat: „Ich bin kein Quoten-Neger“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warum ein Schwarzer sein Engagement bei der AfD für keinen Widerspruch hält und wie er für die Rechten neue Wählerschichten erschließen will.

Kiel | Kaum jemand nimmt Notiz von dem Mann, der ein paar Kurzprogramme der AfD in der Kieler Fußgängerzone unter die Leute bringen will. Dabei ist das Bild durchaus ungewöhnlich, denn Achille Demagbo ist nicht nur Kreisvorsitzender der AfD, sondern auch schwarz. Vor zwölf Jahren kam der heute 36-Jährige aus Benin zum Studieren nach Kiel – heute arbeitet er als Übersetzer. Und er will für die AfD ins Parlament – ob in den Landtag oder den Bundestag, das will er sich noch offen halten, sagt er.

Ein Schwarzer in einer rechten Partei – kann das gehen? „Na klar“, meint Demagbo und grinst. „Wenn die AfD fremdenfeindlich oder rechtsradikal wäre, hätten sie mich ja wohl kaum gewählt.“ Ein Drittel der Menschen, die er auf den Straßen für die AfD begeistern will, wunderten sich darüber, sagt Demagbo. „Doch wenn ich denen erkläre, wie meine Einstellung ist, dass ich wegen des wirtschafts- und finanzpolitischen Programms in die AfD eingetreten bin, dann beginnen manche zu verstehen.“

Er sei kein „Feigenblatt“, sagt Demagbo, auch kein „Quoten-Neger“. Aber natürlich wissen sie in der AfD, dass sie mit dem Schwarzen bei der Rechten Aufmerksamkeit erzielen können. Und dass der Mann mit der deutschen Freundin und den vier gemeinsamen Kindern neue Wählergruppen ansprechen kann. „Ich merke auf der Straße, dass viele Migranten, die hier schon lange leben, so wertkonservativ sind wie ich. Das vernachlässigen die linken Parteien.“ Russlanddeutsche, Türken und Kurden habe er so schon für die AfD gewinnen können, sagt Demagbo – auch Menschen mit afrikanischen Wurzeln unterstützten ihn. Viele seien unzufrieden mit den etablierten Parteien. Der Rechtspopulismus findet überall Anhänger, die zweistelligen Wahlergebnisse der AfD bei den jüngsten Landtagswahlen kommen nicht von ungefähr.

Demagbo will klare Voraussetzungen für Einwanderung: „Akzeptanz der deutschen Werte und den damit verbundenen Pflichten, gute berufliche Qualifikation – und Deutschkenntnisse.“ Als Demagbo aus einem der ärmsten Länder Afrikas nach Kiel kam, kam er zum Studieren, er konnte nur wenige Wörter deutsch – und die Werte habe er erst hier kennen gelernt. Hätte er heute etwas zu sagen, hätte er dem Achille von damals trotzdem eine Aufenthaltsgenehmigung gegeben, sagt Demagbo. Schließlich habe er sich alles selbst erarbeitet. Sein Studium habe er sich mit Tellerwaschen finanziert. Das klingt gut, irgendwie nach amerikanischem Traum. Genau wie Demagbos nächster Satz: „Ich bin stolz auf dieses Land.“ Dass er vom für ihn kostenlosen deutschen Bildungssystem profitiert hat, sagt er nicht. Geht es nach ihm, sollen fast alle Zuwanderer nicht die Chancen bekommen, die er hatte.

Zur AfD kam Demagbo Anfang 2013, als er noch nicht deutscher Staatsbürger war. Im Fernsehen sah Demagbo den damaligen Parteivorsitzenden Bernd Lucke, der sich gegen die europäischen Rettungsschirme aussprach. „Ich war fasziniert, habe mich gleich online bei der Partei registriert.“ Schnell steigt er auf, als Lucke und die schleswig-holsteinische Europapolitikerin Ulrike Trebesius die AfD auch wegen Auseinandersetzungen um die Asylpolitik verlassen, ist er der einzige aus dem Landesvorstand, der bleibt. Für Lucke, der die AfD mittlerweile als „Schmutzfänger auf der rechten Seite“ und deren Politiker als „Karrieristen, Querulanten und Intriganten“ bezeichnet, hat er nur noch Spott übrig. Und über die neue AfD sagt er: „Ich kann da keinen Rechtsruck erkennen.“

Das sehen andere anders, wie etwa Forsa-Chef Manfred Güllner, der die AfD-Wähler einen „braunen Bodensatz“ nennt und erklärt, dass zwei Drittel der AfD-Wähler das demokratische System ablehnten. „Das sind keine normalen Menschen. Das sind wirklich Antidemokraten.“

Demagbo bezeichnet sich wahlweise als rechtskonservativ oder wertkonservativ. Oder er sagt Sätze wie: „Ich bin rechts, und das ist gut so.“ Als wenn er ein Tabu brechen müsste. Oder: „Manche Werte sind in Deutschland verloren gegangen und wir brauchen sie wieder – so was wie Ordnung, Fleiß, Pünktlichkeit.“ Ein gewisser Oskar Lafontaine hat über einen gewissen Helmut Schmidt gesagt, der diese Werte vertrat, das seien Sekundärtugenden mit denen man auch ein Konzentrationslager leiten könnte.

Demagbo kann nicht erkennen, was an den Werten falsch sein soll – schon gar nicht als integrationspolitischer Sprecher der AfD Schleswig-Holstein und Mitglied des Landesvorstandes. Denn er hat einen klaren Standpunkt: gegen unkontrollierte Zuwanderung, für einen „radikalen Kurswechsel“. Wer ins Land komme, und nichts geleistet habe, der dürfe keine Leistungen beziehen. „Das Recht auf Asyl ist individuell, ich bin dagegen, dass es etwa pauschal jedem Syrer gewährt wird. Entscheidend ist, dass er politisch verfolgt wird und das nachweisen kann.“ Dass das manchem Flüchtling, dessen Heimat in Schutt und Asche liegt, möglicherweise unmöglich ist, und dass Menschen aus Angst um ihr Leben ihre Heimat verlassen, um in Deutschland Schutz zu suchen, lässt er nicht gelten. Angela Merkel habe im vergangenen Jahr einen „Rechtsbruch“ begangen, als sie die Flüchtlinge aus Ungarn aufgenommen habe. „Dafür sollte sie sich vor Gericht verantworten“, meint Demagbo – und so will er Wähler für die AfD gewinnen.

In der Kieler Fußgängerzone gelingt ihm das an diesem Tag nicht. Immerhin bleibt eine Frau aus Island stehen, nimmt das AfD-Programm in die Hand und hört sich an, was Demagbo zu sagen hat. Von der AfD hat sie noch nie etwas gehört. „Ich habe Ihnen nur zugehört, weil sie so nett aussehen“, sagt die Frau und gibt ihm das Programm zurück. Und was denkt sie über Flüchtlinge? Sie lacht Demagbo an und sagt: „Wir haben doch genug Platz für alle.“

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erstellt am 05.Okt.2016 | 16:21 Uhr

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