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Kiel

05. Dezember 2016 | 15:43 Uhr

Werkstatt-besuch : Im Reich des Geigenbaumeisters

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kai Tiedemann ist Imker, Landwirt und baut Geigen – in einem der ältesten Wohnhäuser der Kieler Innenstadt.

Nicht nur der Himmel, auch die Decke im Haus Kleiner Kuhberg 38 hängt voller Geigen. Rund 500 Stück sind es gerade. Das um 1850 errichtete Haus, eines der wenigen erhaltenen Vorstadthäuser und zugleich eines der ältesten Wohnhäuser der Innenstadt, ist das Reich von Geigenbaumeister Kai Tiedemann, dem wohl dienstältesten von mehreren Kieler Geigenbauern.

Bereits als Kind lernte Tiedemann das Geigespielen, später kamen Fagott und Cello hinzu und eine Zeit, in welcher der gebürtige Hamburger im dortigen Jugendorchester musizierte. Aus dieser Leidenschaft zur Musik und weil er gerne handwerklich und mit Holz arbeitet, kam der Entschluss, diese Vorlieben beruflich zu verbinden. Nachdem der heute 53-Jährige zunächst in den Beruf des Orgelbauers reingeschnuppert hatte, entschied er sich für den Geigenbau, den er in Hamburg erlernte und in dem er anschließend in Kiel als Geselle arbeitete. 1994 griff er die Gelegenheit beim Schopf und mietete sich in einer Hälfte des alten Kieler Hauses am Kuhberg, welches ihm mittlerweile gehört, ein. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Reparatur und Aufarbeitung von Geigen.

In der kleinen Werkstatt hinter dem Verkaufsraum herrscht geordnetes Chaos. In Regalen stehen Flaschen mit Beizen, Lasuren, Harzen und Lacken, an der Wand fein säuberlich aufgereiht etliche Werkzeuge und auf dem Arbeitstisch von alledem etwas und irgendwo mittendrin ein Computer. In einem anderen Regal lagern die Hölzer – Ahorn und Fichte, ausschließlich aus den Alpen, da Gebirgshölzer langsamer wachsen und somit härter und für den Instrumentenbau besser geeignet sind. Aber natürlich kommt bei Tiedemann, der nebenbei noch eine Landwirtschaft betreibt und auch Imker ist, auch der Bau von Geigen nicht zu kurz. „Wenn Zeit ist, baue ich auch Geigen, allerdings nicht auf Bestellung. Zurzeit habe ich zwei Instrumente in Arbeit“, so Tiedemann.

Etwa vier bis fünf Wochen dauert es, bis ein Instrument fertig ist – wenn man am Stück durcharbeitet. Anschließend wird sie täglich angespielt und eventuelle Korrekturen vorgenommen, denn eine Geige muss sich entwickeln. Sein Hauptaugenmerk legt Tiedemann beim Bau auf die handwerkliche Qualität, denn Geigenbauer haben eine „Handschrift“ und erkennen sich an den Instrumenten untereinander. Für den Musiker ist natürlich der Klang der Geige ausschlaggebend.

Viele Geigen, die der vierfache Familienvater aufarbeitet, sind „Dachbodengeigen“. Geigen, die Angehörige Verstorbener im Nachlass finden. Und wie oft wird gefragt, ob’s eine Stradivari ist? Kai Tiedemann grinst verschmitzt: „Das kommt gefühlt dreimal die Woche vor und die Kunden sind meist enttäuscht und oft skeptisch, wenn man einen Wert von 500 oder 600 Euro nennt.“ Vielleicht drei Mal sei es in all den Jahren vorgekommen, dass er solche Geigen auf um die 5000 Euro taxiert habe und den Kunden den Rat gab, die Instrumente nicht auf dem Flohmarkt zu verscherbeln.

Tiedemann bietet auch sämtliches Zubehör an, was aber zu seinem Leidwesen heute oft über das Internet gehandelt wird. Außerdem werden Instrumente vermietet und vermittelt. Seit ihm das Haus am Kuhberg gehört, betreibt der Kieler in der anderen Gebäudehälfte seinen Notenhandel, in dem Musikfreunde die Qual der Wahl zwischen rund 20  000 Noten haben – Schwerpunkt Klassik.

Auch die Nachwuchsförderung liegt Geigenbaumeister Kai Tiedemann sehr am Herzen. Vielleicht auch deshalb hat er seit Mai Räume im Obergeschoss des Hauses mit bewegter Geschichte an die Streicherakademie Kiel vermietet, deren Ziel es ist, auch Kindern sozialbenachteiligter Familien durch Patenschaften Unterricht zu ermöglichen.
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erstellt am 14.Jul.2016 | 06:01 Uhr

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