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Kiel

09. Dezember 2016 | 08:46 Uhr

Kanzler-Sohn : Historiker Brandt zu Gast im Rathaus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit dem Matrosenaufstand 1918 und den Problemen der jungen Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigte sich der Historiker Peter Brandt. Der älteste Sohn von Ex-Kanzler Willy Brandt untersuchte den Widerspruch: Warum ist die von so viel Sympathie getragene Meuterei auf halbem Wege stecken geblieben?

Die Vorbereitungen für das große Jubiläum sind bereits angelaufen. Den 100. Jahrestag des Matrosenaufstands will die Landeshauptstadt zwar erst im November 2018 mit zahlreichen Veranstaltungen feiern, die Rede von Peter Brandt war offenbar als eine Art Ouvertüre zum festlichen Reigen gedacht. Im voll besetzten Kieler Ratssaal gab der Professor für neuere deutsche Geschichte und älteste Sohn (Jahrgang 1948) des berühmten Vaters Willy Brandt Einblick in die revolutionären Ereignisse der Novembertage von 1918.

Als Schwerpunkt setzte er die Rolle der Sozialdemokraten beim Zustandekommen und Scheitern der Weimarer Republik, referierte zunächst jedoch die dramatischen Ereignisse, die zum Zusammenbruch der Monarchie führten. Dabei beschränkte sich Brandt weitgehend auf die bekannten Fakten, denen zufolge die Matrosen vor allem deshalb meuterten, weil sie nicht bereit waren, angesichts des verlorenen Kriegs zu einem sinnlosen Kampf auszulaufen.

Der Protest richtete sich jedoch auch gegen Schikanen durch das Offizierskorps und gegen die schlechte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Unterstützt wurden die Mannschaften bei ihrem Protest von den Kieler Werftarbeitern. Brandt wies darauf hin, dass die nach sowjetischem Vorbild geschaffenen Soldaten- und Arbeiterräte in dieser ersten Phase der Revolution in der Bevölkerung auf breite Zustimmung stießen. Das habe sich in der zweiten Phase geändert, als sich am linken Rand der SPD radikale Abspaltungen bildeten, etwa der kampfbereite Spartakusbund.

Wenn die von Kiel ausgehende Revolution zwar das alte Regierungssystem mit Kaiser und Königen beseitigte, aber dennoch nicht die erhoffte Form der Demokratie erreichte, so führt Brandt dies auf einen gravierenden Fehler zurück: Bei dem Bemühen, die allgemeine Ordnung aufrecht zu erhalten, blieben große Teile der alten Eliten ungeschoren. Lediglich in Preußen sei es gelungen, die Verwaltung zu „säubern“ und mit Kräften zu besetzen, die sich für die neue demokratische Ordnung einsetzten.

In der sich anschließenden Diskussion wurde folgerichtig die Frage gestellt, ob da nicht Parallelen zu der Situation nach Ende des Zweiten Weltkriegs bestünden, als viele Belastete des NS-Regimes wichtige Positionen in der Justiz, der Politik und in den Hochschulen besetzten. Zu diesem Vergleich wollte sich der Brandt-Sohn allerdings nicht konkret äußern. Das sei nicht so sehr sein Forschungsbereich, ließ er wissen.
 

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erstellt am 07.Nov.2016 | 20:16 Uhr

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