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Kiel

08. Dezember 2016 | 12:54 Uhr

Girl’s Day : Handwerk sucht patente Frauen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zeit der reinen Männerberufe sollte ebenso vorbei sein wie die Ära der Frauenberufe. Beim „Girl’s Day“ zeigte gestern die zierliche Zimmerin-Azubi Justine Boje, dass jenseits gängiger Berufsvorstellungen Veränderungen möglich sind.

Umdenken ist angesagt. In den sogenannten Frauenberufen ebenso wie in den typischen Männerdomänen. So sind unter den 711 Mechatroniker-Azubis im Bereich der Handelskammer Lübeck (zu der auch Kiel und Neumünster gehören) nur 33 Mädchen. Bei den angehenden Zahnarzttechnischen Assistenten ist es umgekehrt: Drei jungen Männern stehen 474 weibliche Azubis gegenüber. Seit Jahren schon dient der „Girl’s Day“ (neuerdings auch „Girl’s and Boy’s Day“ genannt) dazu, die gängigen Klischees aufzubrechen. Gestern stellten Ministerium, Kammer und Arbeitsagentur deshalb eine junge Frau vor, die das Zimmererhandwerk erlernt.

Wenn die zierliche, nur knapp 1,60 Meter große Justine Boje (26) neben ihrem stattlichen Chef Martin Klein (1,94 Meter) steht, wirkt sie sehr, sehr klein. Doch Klein winkt ab: Körperliche Kraft ist auf dem Bau längst nicht mehr so stark gefordert wie zu seiner eigenen Lehrzeit, dafür gibt es heute jede Menge an technischer Hilfe. „Und außerdem machen es die Mädels mit dem Köpfchen“, hat der Zimmerer und Restaurator beobachtet, der vier Gesellen und sechs Azubis beschäftigt. Für Justine Boje spricht nach seinen Worten, dass sie nicht nur das Handwerk erlernt, sondern gleichzeitig den Technischen Betriebswirt machen will: Das könnte Klein in der Zukunft eine findige Assistentin bescheren.

Die Zimmerer-Kluft gibt es mittlerweile extra für Frauen, doch damit kann sich Justine Boje nicht anfreunden: Die Taschen sind zu klein. Deshalb ist sie auf Männerhosen (Größe 36/38) umgestiegen, auch wenn die Beine umgenäht werden müssen. Justine Boje hat bereits eine Erzieherin-Ausbildung hinter sich (auch ein typischer Frauenberuf), hat in Elmschenhagen und im Waldkindergarten in Klausdorf den Nachwuchs betreut. Beim eigenhändigen Anbau ihrer Wohnung in Hassee hat sie dann aber festgestellt: Die Arbeit mit Holz ist ihr Ding!

In der Berufsschule ist die 26-Jährige die einzige Frau unter den Zimmerer-Azubis. Sie setzt damit um, was Ministerin Kristin Alheit gestern der Jugend ans Herz legte: „Die Berufswelt ist größer, als man denkt.“ Auch Margit-Koopmann, die Chefin der Regionaldirektion bei der Agentur für Arbeit, warb für praktische Gleichberechtigung. Handelskammer-Geschäftsführer Christian Maack stellte fest, dass Frauen – wenn sie erst einmal den Sprung gemacht haben – sich im Handwerk sehr erfolgreich präsentieren. Etwa bei den Bäckern, den Tischlern oder den Malern. Und Martin Klein hat beobachtet, dass auf dem Bau gleich deutliche angenehmere Umgangsformen herrschen, sobald eine Frau als Kollegin dabei ist. Sicherlich: Zimperlich darf auch frau nicht sein, wenn es etwa um die Arbeit auf der winterlich-kalten Baustelle geht. Klein lobt seine Azubine: „Was ihr vielleicht an Kraft fehlt, besitzt sie an Dynamik. Und das ist das Entscheidende.“  

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erstellt am 28.Apr.2016 | 21:32 Uhr

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