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AQmtsgericht : Freispruch nach tödlichem Unfall

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

An Gründonnerstag im April 2014 stieß in Kiel-Friedrichsort ein Roller-Fahrer mit einer 87-jährigen Frau zusammen. Die alte Dame war nach dem Abendgottesdienst auf die Straße gehumpelt. Tragischerweise wurde der Roller-Fahrer vermutlich von einem Auto geblendet – es gehörte dem Ehemann der Seniorin.

Wie viel Schuld trägt der 46-jährige Motorroller-Fahrer, der im April 2014 in Kiel-Friedrichsort eine 87-jährige gehbehinderte Frau angefahren und dabei tödlich verletzt hatte? Hätte er den tragischen Unfall unter anderen Umständen vermeiden können? Mit dieser Frage beschäftigte sich gestern das Kieler Amtsgericht in einem Verfahren wegen fahrlässiger Tötung – und lieferte nach mehrstündiger Verhandlung ein Urteil, das am Ende selbst der Staatsanwalt empfahl: vollständiger Freispruch.

Denn es handelte sich keinesfalls um einen jener berüchtigten Verkehrsrowdys, mit denen sich die Gerichte regelmäßig beschäftigen müssen. Der 46-jährige Schweißer, der an diesem Gründonnerstag vor Ostern 2014 nach der Spätschicht von der Werft nach Hause fuhr, war weder angetrunken noch bekifft. Er besaß einen gültigen Führerschein, sein Kleinkraftrad der Marke Benzhou war nicht auf Leistung getrimmt, es schaffte höchstens Tempo 40. Das einzige Problem des Roller-Fahrers: Als Türke sprach er nicht ausreichend Deutsch. Bei der Übersetzung nach dem schweren Unfall halfen Frau und Schwager – es kam offenbar zu Missverständnissen und schließlich zu falschen Anschuldigungen.

So hatte der Staatsanwalt dem Angeklagten vorgeworfen, ein Stoppschild überfahren und deshalb wegen hoher Geschwindigkeit die tödliche Kollision verursacht zu haben. Doch erstens stellte die Richterin fest, dass am Unfallort auf der Fritz-Reuter-Straße Tempo 50 erlaubt ist. Und zweitens kam der Angeklagte gar nicht aus der Nebenstraße, sondern befand sich bereits auf der Hauptstraße.

Es war dunkel an jenem 17. April 2014 gegen 21.30 Uhr, es regnete, die Straße war glatt. Zudem berichteten Zeugen, dass der Bereich vor der katholischen Kirche, wo die alte Dame gemeinsam mit ihrem Ehemann an einem Gottesdienst teilgenommen hatte, schlecht beleuchtet war. Deshalb nahm der Rollerfahrer, obwohl er nach eigenen Angaben wegen eingeschränkter Sicht sein Gefährt drosselte, nicht wahr, wie direkt vor ihm die 87-jährige Frau an ihren Krücken einen Schritt auf die Straße setzte. Es kam zum Zusammenstoß. Dass allerdings die betagte Dame „meterweit über die Straße geschleudert wurde“, gehört ebenfalls zu den unbewiesenen Vorwürfen der Anklageschrift.

Tatsache ist, dass die Seniorin dunkel gekleidet war und zum Auto ihres (mittlerweile ebenfalls verstorbenen) Mannes unterwegs war, das auf der anderen Straßenseite stand. Dass aber genau dieses stehende Fahrzeug mit seinen Scheinwerfern den Rollerfahrer kurz vor dem Zusammenstoß vermutlich geblendet hat, gehört zu den tragischen Einzelheiten des schweren Unfalls. Die 87-Jährige erlitt mehrere Rippenbrüche, eine Beckenfraktur und einen Beinbruch. Sie war zunächst noch ansprechbar, doch im Krankenhaus verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie starb drei Tage später an den Unfallfolgen.

Trotz dieses tödlichen Ausgangs mochte am Ende der Verhandlung niemand im Gerichtssaal dem Angeklagten noch einen Vorwurf machen. Die Richterin erklärte in ihrem Freispruch: „Man darf als Verkehrsteilnehmer darauf vertrauen, dass kein Fußgänger direkt vor ein Fahrzeug läuft.“
 

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erstellt am 12.Mai.2016 | 19:26 Uhr

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