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Kiel

09. Dezember 2016 | 10:54 Uhr

Urteil am Amtsgericht : Freispruch im Brandstifter-Prozess

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Angeklagte (23) ist nach Überzeugung des Amtsgerichtes Opfer des „Apparats“ gworden. Mit dem Altenholzer Großbrand vom November 2014 hat er jedenfalls nichts zu tun. Dafür gab es harsche Kritik am Vorgehen von Staatsanwaltschaft und Ermittlern.

Der Großbrand von Altenholz im November 2014 bleibt vorerst unaufgeklärt. Das Amtsgericht Kiel sprach gestern Mittag den bisherigen Angeklagten Kevin S. von allen Vorwürfen frei und billigte dem 23-Jährigen eine Entschädigung für die zehnwöchige Untersuchungshaft zu. In der Urteilsbegründung sparte die Richterin nicht mit Vorwürfen an Staatsanwaltschaft und Ermittler. Allzufrüh hätten sie sich auf einen Schuldigen festgelegt, Entlastungszeugen nicht gehört und Hinweise auf mögliche andere Täter nicht verfolgt. Damit steht nach sieben Verhandlungstagen fest: Die Ermittlungen zu dem Großbrand, der die gesamte Ladenzeile zerstört und einen Millionenschaden hinterlassen hatte, müssen wieder bei Null beginnen.

Die Plädoyers zum Schluss eines jeden Gerichtsverfahrens sind gemeinhin ein Wettstreit zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Ein Wettstreit um die besseren Argumente. Gestern Vormittag verlief diese Auseinandersetzung höchst einseitig. Ganze vier Minuten benötigte die Vertreterin der Anklage, um ihre Forderung nach einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten Haft wegen schwerer Brandstiftung zu begründen. Die erhobenen Vorwürfe seien bewiesen, es gebe Zweifel an der Aussage des Vaters (der seinem Sohn ein Alibi für die Tatzeit gegeben hatte), das in Polizeigewahrsam abgegebene Geständnis des Angeklagten sei dagegen glaubwürdig.

Die Verteidigung nahm sich mehr Zeit. Sein Mandant „kann gar nicht der Täter sein, weil er zum Zeitpunkt des Brandes geschlafen hat“, erklärte Urs-Erdmann Pause. Obwohl er unter hoher Belastung gestanden habe und von den Ermittlern massiv in die Mangel genommen worden sei, sei die Aussage von Kevin S. über Wochen hinweg „konstant und widerspruchsfrei“. Ganz im Gegensatz zum Gewahrsamsbeamten, der sich in Widersprüche verstrickt und erhebliche Erinnerungslücken offenbart habe. Das ließ nach Worten von Pause nur einen einzigen Schluss zu: „Es gibt gar kein Geständnis.“ Und weil auch Kevins Ex-Freundin sowie zwei Kumpels ihre belastenden Aussagen (angeblich unter Druck der Polizei abgegeben) vor Gericht widerrufen hatten, stand für den Verteidiger fest: „Es existiert kein einziges Beweismittel gegen Kevin S.“

Dieser Überzeugung war auch das dreiköpfige Schöffengericht. Schon früh, bereits nach den ersten beiden Verhandlungstagen, habe kein hinreichender Tatverdacht mehr vorgelegen. In der Urteilsbegründung wunderte sich die Vorsitzende Richterin auch darüber, dass die Staatsanwaltschaft den „kryptischen Vermerk über ein angebliches Geständnis“ zur Grundlage ihrer Anschuldigungen mache. Der Gewahrsamsbeamte, obwohl Hauptbelastungszeuge, sei erst im Juni 2016 vernommen worden, habe sich aber drei Monate später vor Gericht nicht mehr an die Einzelheiten erinnern können. Warum man den Vater dagegen gar nicht befragt habe, erschließe sich nicht. Und dass man dem Angeklagten bei der offiziellen Vernehmung falsche Vorhalte gemacht habe, sei ebenfalls zu beanstanden.

Die Richterin fasste zusammen: „Kevin S. hatte keine Chance. Er war einem Apparat ausgesetzt, der offenbar kein Interesse an einem rechtsstaatlichen Verfahren hatte.“ Die Amtsrichterin erinnerte die Ermittler an ihre ureigenste Aufgabe: „Es geht nicht um die Verurteilung irgendeines Verdächtigen. Es geht darum, den richtigen Täter zu ermitteln.“

 

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erstellt am 21.Sep.2016 | 06:28 Uhr

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