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Kiel

11. Dezember 2016 | 01:25 Uhr

Prozess um Großbrand in Altenholz : Freispruch - Angeklagter hatte im Ermittlungsverfahren „keine Chance“

vom
Aus der Onlineredaktion

Im November 2014 brannte eine ganze Ladenzeile nieder. Der Prozess sorgte für Aufsehen: Die Polizei geriet in Kritik.

Kiel | Der schüchtern wirkende 23-Jährige auf der Anklagebank hatte sechs Verhandlungstage geschwiegen - am siebten kam für ihn die erhoffte Erlösung: Das Kieler Amtsgericht sprach ihn am Dienstag vom Vorwurf frei, im November 2014 einen Großbrand in Altenholz bei Kiel gelegt zu haben. Für die zweieinhalb Monate Untersuchungshaft erhält er eine Entschädigung. Das Feuer hatte eine ganze Ladenzeile vernichtet. Der Schaden: rund 6,5 Millionen Euro.

Die Ladenzeile in Altenholz war Dreh- und Angelpunkt im Leben der Gemeinde. Ihre Zerstörung durch den Brand hat seither vieles verändert. Mit entsprechend großem Interesse wurde der Prozess um den mutmaßlichen Brandstifter verfolgt.

Nach dem Freispruch bleibt offen, wer der Täter ist. Die Vorsitzende des Schöffengerichts, Elisabeth Bellmann, kritisierte in der Urteilsbegründung scharf Polizei und Staatsanwaltschaft. Diese hätten sich zu früh und zu einseitig auf den jungen Mann festgelegt. Es gehe „nicht um die Verurteilung irgendeines Verdächtigen, sondern darum, den richtigen Täter zu ermitteln“, sagte sie. Die Ermittlungsbehörden hätten entlastende Umstände nicht beachtet: „Der Angeklagte war einem Apparat ausgesetzt, der offenbar kein Interesse an einem rechtsstaatlichen Verfahren hatte.“ Der 23-Jährige habe in dem Ermittlungsverfahren keine Chance gehabt, sagte Bellmann.

„Von angeblich belastbaren Beweisen blieb nichts mehr übrig“

Die Richterin kritisierte auch, dass die Staatsanwältin ihre Forderung nach einem Schuldspruch auf einen Polizeibeamten als Hauptbelastungszeugen stützte, der sich vor Gericht massiv in Widersprüche verwickelte und sich immer wieder auf Erinnerungslücken berief. Ihm soll der Angeklagte die Tat gestanden haben. Doch von „angeblich belastbaren Beweisen blieb nichts mehr übrig“, sagte Bellmann, außer einem „kryptischen Vermerk über ein angebliches Geständnis“. Der Verteidiger des 23-Jährigen warf dem Beamten sogar Lügen vor.

Die Staatsanwältin dagegen bezeichnete in ihrem nur rund vier Minuten langen Plädoyer den Beamten als glaubhaft und forderte eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren. Das Gericht aber sprach den 23-Jährigen „aus tatsächlichen Gründen“ frei. Es folgte damit dem Verteidiger. Der Freispruch hatte sich bereits während des Prozesses angedeutet: Zeugen widerriefen belastende Aussagen mit dem Hinweis, die Polizei habe sie unter Druck gesetzt. Seine damalige Freundin gestand, gelogen zu haben, als sie sein Alibi für den Tatzeitraum bestritt.

Polizisten machten der Vorsitzenden zufolge falsche Vorhalte. Zudem wurde der Vater des jungen Mannes, der vor Gericht bezeugte, sein Sohn habe zur Tatzeit geschlafen, von den Ermittlungsbehörden nicht ein Mal detailliert vernommen.  Begleitet von seinem Vater nahm der junge Mann das Urteil mit Erleichterung auf. In seinem Schlusswort hatte er betont: „Ich bin einfach froh, dass alles ein Ende hat.“

Fest steht auch nach dem Freispruch: Der Brand hat eine Wunde in den Ort im Kreis Rendsburg-Eckernförde gerissen.

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erstellt am 20.Sep.2016 | 15:30 Uhr

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