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Kiel

10. Dezember 2016 | 15:51 Uhr

Missbrauch in Kiel : „Dieser Fall darf sich nicht wiederholen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Polizei, die Staatsanwaltschaft und die Landeshauptstadt Stadt vereinbaren verbindliche Leitlinien: Im Umgang mit psychisch kranken Menschen soll künftig bei Gefahrenlagen kein Zeitverzug mehr bei den Absprachen auftreten. Genau das aber war im Januar geschehen.

Aus den Fehlern lernen – unter dieser Devise haben die Polizei, die Landeshauptstadt und die Staatsanwaltschaft gestern im Kieler Rathaus verbindliche Leitlinien für eine verbesserte Zusammenarbeit vereinbart. Es geht um „Gefahrenlagen mit psychisch auffälligen und kranken Menschen“. Anlass für die Kooperation war ein schwerer Missbrauchsfall im Januar in Gaarden. Weil die Behörden damals weder ausreichend noch schnell genug handelten, blieb der Beschuldigte auf freiem Fuß. Der 31-Jährige – mittlerweile in die Psychiatrie eingewiesen – konnte wenige Tage nach der ersten Tat ein zweites Mädchen schwer misshandeln.

„Das lässt uns nicht kalt“, bekannte Oberbürgermeister Ulf Kämpfer: „Gerade weil wir uns nicht hundertprozentig sicher sein konnten, optimal koordiniert gehandelt zu haben.“ „Es ist nicht gut gelaufen“, blickte auch die Leitende Staatsanwältin Birgit Heß gestern kritisch zurück. Es sei damals eben nicht ersichtlich gewesen, dass es sich um einen psychisch Kranken handele. Beim städtischen Gesundheitsamt beispielsweise war die besorgte Mutter des Täters aufgelaufen mit dem Hinweis, dass ihr Sohn seine wichtigen Medikamente nicht mehr nehme. Dort allerdings war man offenbar mehr von einer Selbstgefährdung des Mannes als von einer Gefahr für seine Umwelt ausgegangen – die Nachricht wurde jedenfalls nach dem ersten Missbrauchsfall nicht weitergereicht.

Genau an diesem Punkt soll die neue Vereinbarung greifen. Bei Gefahr im Verzuge wird künftig eine sofortige Telefonkonferenz mit Vertretern aller drei Einrichtungen geschaltet. Kiels Polizeichef Thomas Bauchrowitz erhofft sich spürbar mehr „Handlungssicherheit und ein hohes Maß an Verbindlichkeit“. Man habe bei den Gesprächen auch den Datenschutzbeauftragten eingeschaltet, es sei jetzt klar, welche Infos zwischen den Beteiligten ausgetauscht werden dürfen. Aus den einzelnen Puzzleteilen ergebe sich schließlich ein klareres Bild. Klare Botschaft: Der Vorfall vom Januar darf sich nicht wiederholen.

Stadtrat Gerwin Stöcken sprach im Umgang mit psychisch auffälligen Menschen von einem Drei-Schritte-Konzept. Aufmerksam sein und Hilfe anbieten sei die untere Linie. Das gefährdende Verhalten zu erkennen sei die zweite Stufe. Und es bleibe dann noch die Frage „Wer zieht wann und wo die Notbremse?“. Die Partner sind sich einig, dass die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Polizei und Staatsanwaltschaft auch in der Vergangenheit „fast immer“ gut funktioniert habe. Künftig aber soll es „immer“ klappen.

Die vereinbarten Leitlinien legen beispielsweise Kriterien für die Gefahrenabwehr, die Datenübertragung oder auch die Strafverfolgung fest, selbst die konkreten Ansprechpartner sind aufgelistet. Außerdem soll die gemeinsame „Kontaktstelle“ zwei Mal im Jahr zusammenkommen. Kämpfer sieht in diesem Konzept sogar ein Vorzeige-Modell: „Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Kommunen sich die Kieler Leitlinien zum Vorbild nehmen werden.“  

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erstellt am 12.Okt.2016 | 18:17 Uhr

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