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Kiel

26. September 2016 | 03:57 Uhr

Leiharbeiter : Die modernen Arbeitsnomaden von Kiel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viel Arbeit, geringe Bezahlung und hunderte Kilometer von Heimat und Familie entfernt – ein Einblick in das Leben von Leiharbeitern auf der Werft in Kiel.

Kiel | Montage sind grässlich. Schon kurz nach Mitternacht beginnt die Quer-durch-Deutschland-Rallye. Auf zur Maloche nach Kiel! Wer nach dem Wochenende pünktlich zum Schichtbeginn im Blaumann mit Helm am Werkstor stehen will, muss erst mal Kilometer fressen – viele Kilometer. 290 von Stralsund aus, 325 aus Aurich, 440 aus Stettin, gut 500 aus Köln. Die Autokennzeichen auf den heiß umkämpften Stellplätzen in den Wohnstraßen rund um das Werftgelände sprechen Bände. Sie stehen für den Niedergang der Schiffbausparte und für das Schicksal moderner Arbeitsnomaden.

„Wir fahren dorthin, wo wir einen Job bekommen. Und wenn der zu Ende geht, zieht die Karawane weiter“, berichtet Günter Wenger*. Bis vor kurzem war er in Hamburg im Einsatz und hat beim Rückbau der Raffinerie mit angepackt. „Eineinhalb Jahre war ich dort.“ Jetzt hat ihn seine Zeitarbeitsfirma nach Kiel geschickt. „Bei Howaldt gibt es viel zu tun – zum Glück.“

Auch Wenger frisst jedes Wochenende Kilometer. Für die 488 ins heimische Bad Düben in Sachsen braucht er gut fünf Stunden. Er ist nicht so schnell mit seinem Wohnmobil. Im Gegensatz zu den meisten Leih-Kollegen auf der Werft übernachtet er unter der Woche nicht in Pensionen oder bei Bürgern im Umland, die für Monteure das ehemalige Kinderzimmer vermieten und kräftig abkassieren, sondern in seinen eigenen vier Wänden auf Rädern.

Viel Geld hat er für das Box-Star-Mobil der Firma Knaus bezahlt. Bereut hat er es bis heute nicht – selbst wenn er im Winter vorm Frühstück schon Eis kratzen muss. „So bin ich unabhängig, habe meine Privatsphäre und es ist gemütlich“, berichtet er, während er den Abwasch erledigt. Seine Frau im fernen Sachsen kocht vor und gibt ihm Essen mit. „Heute hatte ich Rindsrouladen mit Kartoffelbrei, vom Feinsten, ganz zart“, schwärmt er. Natürlich würde er die lieber zu Hause am Esstisch in seinem Häuschen mit Garten und Kaninchenstall genießen. „Aber ich habe mich mit dem Leben, so wie es ist, abgefunden. Bei uns gibt es keine Arbeit, also fahre ich seit 20 Jahren der Arbeit hinterher“, berichtet der gelernte Rohrschlosser, der jetzt in Kiel Schiffe für die Marine baut.

Bei Howaldt gibt es derzeit Arbeit genug. Doch insgesamt schrumpft die Branche. Durch die Insolvenzen der P+S-Werften in Stralsund und Wolgast sowie der Sietas-Werft in Hamburg wurde Arbeitskräfte „freigesetzt “, die sich jetzt als Werkvertragler oder Leiharbeiter verdingen.

„Mit einem Anteil von fast 30 Prozent haben Werkverträge einen erschreckend hohen Anteil an der Gesamtbeschäftigung“, sagt Schleswig-Holsteins IG Metall-Bezirksleiter Meinhard Geiken. Nicht weniger erschreckend: „Die durchschnittliche Leiharbeitsquote lag bei den noch 39 bundesdeutschen Werften im vergangenen Jahr bei 14,9 Prozent.“ Dabei schwanken die Werte beachtlich. Ganz oben rangiert Blohm und Voss Repair in Hamburg mit 42 Prozent Leiharbeitskräften. Bei der Lürssen-Krögerwerft in Schacht-Audorf sind es laut Verdi-Umfrage immerhin 28,4 Prozent und bei der Flensburger Schiffbaugesellschaft 17,3. Da machen sich die 8,7 Prozent Leiharbeitsquote bei ThyssenKrupp Marine Systems in Kiel – auf dem Werftkran prangt immer noch der Traditionsname HDW – eher bescheiden aus.

Das macht die Sache für die Betroffenen natürlich nicht besser. Der Unterschied zu den Festangestellten ist beachtlich. Nicht nur, dass diese in der Regel in Arbeitsplatznähe leben und ihre Wochenenden nicht auf den Autobahnen verbringen müssen. Sie verdienen auch deutlich besser. Wenger will darüber nicht nachdenken. „Das ändert doch nichts. Ich bin froh, dass ich überhaupt Arbeit habe.“

Sein Kollege Matthias Schmidt, ebenfalls Wohnmobilist, packt jedoch aus. 10,61 Euro bekommt er pro Stunde, plus 80 Cent Leistungszulage. Festangestellte bekommen 22 Euro. „Da kassiert halt eine zusätzliche Instanz mit ab“, so seine Analyse. Die Leiharbeitsfirma wolle schließlich auch Geld verdienen. „Auf unsere Kosten.“ Malochen muss er meist 48 Stunden in der Woche. „Da fällt man todmüde in die Koje“. Fünf Minuten Lesen – sinnigerweise in Hirschhausens neuem Buch „Das Glück kommt selten allein“ – und die Augen fallen zu. Kein Fernsehen, kein Biertrinken mit den anderen „Campern“ in der Reihe. Nur ganz selten ist er so früh „zu Hause“, dass er sein Rad aus dem Gepäckträger hebt und Kiel erkundet. „Ans Wasser, Schiffe gucken.“

Der gelernter Schweißer und hat schon überall gearbeitet, wurde an diverse Werften verliehen – nach Hamburg, Emden und Stralsund. „Hier mal drei Monate, dort eine dreiviertel Jahr. Das läppert sich.“ Auf die Politiker, die die Leiharbeit einst als prima Instrument zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes priesen, ist Schmidt nicht gut zu sprechen. „Alles dreht und bewegt sich, aber bei uns kommt nichts an, wir fallen nur immer wieder auf die Schnauze.“ Das man ihn auf Baustellen nach Bayern schickt oder in eine Fabrik in Belgien, hält er für „volkswirtschaftlichen Wahnsinn.“

Besonders erbost ist er aber über das Gerede vom Klebeeffekt. Leiharbeiter – so prophezeiten es damals die Erfinder der Agenda 2010 – werden beizeiten vom Kunden, bei dem sie gerade eingesetzt sind, übernommen und fest eingestellt. „Ein einziges Mal in 15 Jahren ist mir das passiert – und nach einem Jahr war die Firma pleite, und alles fing von vorne an. So viel zum Klebeeffekt!“, schimpft Schmidt.

Auch für DGB-Nord Chef Uwe Polkaehn steht fest: „Das Regelarbeitsverhältnis muss unbefristet, sozialversichert und fair bezahlt sein. Und Leiharbeitnehmer und Stammpersonal müssten vom ersten Arbeitstag an gleich entlohnt werden.“ Alles Träumereien, kontern die Werftarbeiter. Besserung sei nicht in Sicht.

Die Zahlen geben ihnen Recht. Die Leiharbeit in Schleswig-Holstein hat in den vergangenen fünf Jahren bei sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung um zehn und bei geringfügiger Beschäftigung um 20 Prozent zugenommen. Die Zahl der Verleihbetriebe (neudeutsch: Bodyleaser) wuchs um 24,3 Prozent – wohl auch, weil immer mehr große Firmen Tätigkeiten zwecks Lohndumping in eigene Service- oder Verleihbetriebe auslagern.

Zwar hat die Merkel-Regierung unlängst angekündigt, den Missbrauch von Leiharbeit einzudämmen und der DGB fordert lautstark, die Arbeitnehmerüberlassung dürfe immer nur vorübergehend bei Auftragsspitzen erfolgen. Doch darauf wollen die beiden Wohnmobilisten in Kiel nicht warten. Sie können – weil sie 45 Jahre ohne nennenswerte Zeiten der Arbeitslosigkeit auf dem Buckel haben – vorzeitig in Rente gehen. „Noch sechs Monate, dann habe ich es geschafft. Dann ist es mit dem Rummschubsen von einem Einsatzort zum nächsten vorbei“, freut sich Schmidt. Und auch der Sachse bekommt glänzende Augen und träumt vom Ruhestand: „Zu Hause bleiben, Kaninchen füttern und Holz hacken.“ Dann wird sich die Schlange der Wohnmobile in der Kieler Kaiserstraße lichten. „Ich fahr damit höchstens noch in den Urlaub – wenn überhaupt.“

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erstellt am 16.Jun.2014 | 12:10 Uhr

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