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Kiel

03. Dezember 2016 | 20:48 Uhr

Matrosenaufstand 1918 : Die Kugel, die im Pissoir einschlug

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Den 100. Jahrestag des Kieler Matrosenaufstands will man an der Förde ausführlich würdigen. Allein: Es fehlen noch geeignete Exponate. Das Stadtmuseum Warleberger Hof setzt bei der schwierigen Suche nach Erinnerungsstücken auf Hilfe der Bevölkerung

Welch ein krasses Missverhältnis! Die Bedeutung des Kieler Matrosenaufstands 1918 für die deutsche Geschichte kann ist einzigartig (siehe weiter unten). Doch es existieren nur sehr wenige Fotografien, Waffen, Tagebücher, Briefe oder andere Erinnerungsstücke aus jenen bewegenden Tagen. Um aber im übernächsten Jahr, zum 100. Jahrestag der Revolte, eine anschauliche Ausstellung zusammenzustellen, setzt Dr. Doris Tillmann auf die Hilfe der Bevölkerung im Kieler Raum. Die Leiterin des Stadtmuseums Warleberger Hof ist überzeugt: „In Omas Schubfach oder auf der Dachkammer gibt es bestimmt Fundstücke.“

Dass es so wenig Greifbares gibt – nicht einmal die Besatzungslisten der Schiffe im Kieler Hafen sind erhalten –, hat wohl mit der speziellen deutschen Geschichte zu tun. Nach 1933 waren persönliche Erinnerungen an den Matrosenaufstand gefährlich, der spätere Kalte Krieg hat die Erforschung ebenfalls behindert. Der Militärhistoriker Dr. Christian Lübcke arbeitet in Kiel an einer Zeittafel für jene entscheidenden Stunden und Tage – das Ergebnis steht noch aus.

Immerhin hat er bereits ein paar Dutzend Rückmeldungen erhalten. Tagebuch-Einträge eines Werft-Ingenieurs sind darunter (die auf dem Flohmarkt in Preetz entdeckt wurden), das Foto eines (vermutlich von meuternden Soldaten) zerbrochenen Offizierssäbels und eine plattgedrückte Gewehrkugel, die eine ganz eigene Geschichte erzählt: Der junge Seekadett Max von der Kall, ein Offiziersanwärter, hatte sich vor den Meuterern in Kiel auf ein Pissoir geflüchtet. Die Matrosen gaben ein paar Schüsse ab, eine der Kugeln klaubte Max aus der Wand und nahm sie mit nach Hause.

Diese Episode zeigt nach Ansicht von Doris Tillmann und Christian Lübcke: „Wir dürfen den Matrosenaufstand 1918 nicht nur politisch bewerten, wir müssen ihn auch aus Sicht der betroffenen Menschen betrachten.“ Wer den beiden Historikern mit Hinweisen helfen oder sogar Exponate beisteuern möchte, kann sich per Mail unter matrosenaufstand@ kiel.de oder unter Tel. 0431 / 901 - 39  83 melden.  

Stichwort Matrosenaufstand: Kriegsmüde waren die Soldaten und verbittert über das Verhalten ihrer Offiziere, die ihre Schiffe zur letzten Schlacht gegen England aussenden wollten. Dabei war der Krieg bereits erkennbar verloren. Mit einzelnen Befehlsverweigerungen begann Anfang November 1918 der Kieler Matrosenaufstand, der sich zur offenen Meuterei ausweitete. Die Rebellion erhielt Unterstützung von den Arbeitern auf den Kriegswerften. Am 7. November erklärte der Arbeiter- und Soldatenrat in einem Aufruf: „Die politische Macht ist in unserer Hand.“ Der Funke aus Kiel griff in wenigen Tagen auf das gesamte deutsche Reich über. Bereits am 9. November wurde in Berlin die Republik ausgerufen, einen Tag später ging Kaiser Wilhelm II. ins niederländische Exil. Die Weimarer Republik war geboren.

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erstellt am 16.Aug.2016 | 19:06 Uhr

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