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Kiel

05. Dezember 2016 | 15:36 Uhr

Deutsch-afghanische Freundschaft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aus einem gemeinsamen Abendessen entwickelte sich zwischen einer Kieler Ärztin und einer Flüchtlingsfamilie ein intensiver Kontakt

Am Anfang war es eine freundliche Geste: Mit einem Willkommens-Essen lud Marianne Ulmer Familie Heidary zu sich und ihren Mann nach Kitzeberg ein. Es gab einen Abholservice – mit zwei Autos sammelten sie die sechsköpfige Familie ein – und einen großen Topf Spaghetti mit Hackfleischsoße. Und dann gab es sie doch, diese Momente des Schweigens. Alle waren etwas verunsichert. Was erzählt man sich, ein Kieler Ärzte-Paar, beide Kinder schon erwachsen, eigenes Haus, und eine afghanische Flüchtlingsfamilie, seit fünf Monaten in Kiel, der Vater Schneider, die Mutter Teppich-Pflegerin, Drei-Zimmer-Wohnung in Gaarden, kaum Deutsch-Kenntnisse? „Man ist sich schon sehr fremd“, erinnert sich Marianne Ulmer. Die 10-jährige Narges, die inzwischen so gern mit einem von Marianne Ulmers Pferden springt, habe nicht ein einziges Mal gelächelt.

Es war der zweite Weihnachtstag in Kitzeberg, Ostufer der Förde. An diesem Abend gab es bei Marianne Ulmer und ihrem Mann eines von mittlerweile rund hundert „Welcome-Dinners“ in Kiel, die seit dem 3. Oktober auf Initiative von Anke Erdmann, Lydia Rudow und fünf weiteren Kielern entstanden sind. Erdmann ist Landtagsabgeordnete und mit Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer verheiratet, Rudow Ratsfrau in Kiel, beide bei den Grünen. Anke Erdmann hatte Marianne Ulmer angesprochen – und die Anästhesistin, die sich auch für kranke Kinder in Nepal einsetzt, sagte zu: „Ich habe mich immer schon sozial engagiert“, so die 54-Jährige.

Dass dieser Kennenlernabend mit der afghanischen Familie der Anfang einer herzlichen Freundschaft werden würde, ahnte sie im vergangenen Dezember nicht. Inzwischen besucht sie die Familie regelmäßig, auch die älteste Tochter Marzieh (20) mit Mann Hamzeh (26) und Tochter Asma (3) sind gern dabei. Bei einem Glas Kamillentee – „ich werde immer auf einen Tee eingeladen“, sagt Marianne Ulmer – berichtet sie von Hausaufgabenhilfe in Physik, dem Organisieren von Fahrrädern und dem Reitunterricht mit den Mädchen: „Das hat uns einander nahe gebracht.“

Sie versteht, warum die zehnjährige Narges manchmal so ernst ist – alle haben auf der Flucht viel durchgemacht. Sie gehören der verfolgten Hazara-Minderheit an, lebten zehn Jahre im Exil im Iran. Doch auch dort hatte die Familie keine Perspektive – Vater Younes (46) durfte nicht arbeiten, Mutter Halimeh (39) hat Rückenprobleme. Mit einem Schlauchboot flüchteten sie über die Türkei nach Griechenland, wie so viele Flüchtlinge. Keiner von ihnen kann schwimmen. Teilweise krochen sie auf allen vieren, um nicht entdeckt zu werden, auch durch Flussläufe, fasst Marianne Ulmer diese schwierige Episode der Familie zusammen. Über Serbien, Ungarn und Österreich gelangten sie nach Neumünster, von wo ihnen die Wohnung in Kiel zugewiesen wurde. Der Asylantrag läuft noch.

Marianne Ulmer gibt der Familie viel von ihrer Kraft. Sie erzählt aber auch, wie gut ihr selbst die Begegnung tue: „Es ist eine Bereicherung. Wenn ich mal traurig bin oder gestresst von der Arbeit, dann sagen sie – komm zu uns! Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Dass die Kielerin und die afghanische Familie einander mögen, merkt man: Es wird viel gelacht und gescherzt in der kleinen Wohnung in Gaarden. Auch der 15-jährige Rasoul findet: „Diese Freundschaft ist wirklich cool.“

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erstellt am 06.Jul.2016 | 06:13 Uhr

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