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Kiel

10. Dezember 2016 | 15:47 Uhr

Schleswig-Holstein : Der Islam soll zum Schulfach werden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine breite Mehrheit im Land fordert eine Alternative zum Unterricht in Moscheen. Doch die Verhandlungen sind schwierig.

Kiel/Berlin | Morgens in die staatliche Schule zum Mathepauken – am Nachmittag in die Moschee zum Koran-Unterricht. Auch in Schleswig-Holstein ist das gang und gäbe und wird angesichts der jüngsten politischen Entwicklung zunehmend kritisch hinterfragt.

Die Hoffnung: Wird in Schulen in deutscher Sprache und unter Aufsicht des Bildungsministeriums Islamunterricht angeboten, kann das womöglich die Radikalisierung in den Köpfen junger Migranten ausbremsen.

Am Dienstag forderten der Deutsche Gemeinde- und Städtebund sowie der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Dieter Rossmann aus Elmshorn die flächendeckende Einführung von Islamunterricht an Schulen. „Der muslimische Religionsunterricht muss Regelangebot an deutschen Schulen werden“, sagte Rossmann. Gerade türkischstämmige Familien seien wegen der fehlenden schulischen Alternativen häufig auf die Angebote der Türkisch-Islamischen Gemeinde für Religion (DITIB) angewiesen. „Es wäre gut, wenn es eine von Schulbehörden beaufsichtigte und pädagogisch orientierte Alternative zum türkisch-islamischen Unterricht in Moscheen gäbe, der leider sehr stark vom türkischen Staat beeinflusst ist.“

Erst kürzlich hatte Grünen-Fraktionschef Cem Özdemir die DITIB-Religionsbehörde, die regimetreue Imame nach Deutschland schickt, als „Vorfeldorganisation von Erdogans AKP“ eingestuft.

Unterstützung erhält Rossmann von der CDU im Landtag. „Nur so schaffen wir es, Koran-Unterricht aus den Hinterzimmern zu holen. Und nur so werden wir es schaffen, dass Kinder nicht durch vermeintlich auf dem islamischen Glauben gründende politische Ideologien geprägt werden, die mit unserer freien Gesellschaftsordnung nicht vereinbar sind“, ist die CDU-Politikerin Heike Franzen überzeugt.

Das sieht auch die evangelische Kirche so. „Islamischer Religionsunterricht kann in öffentlichen Schulen ein wichtiger Beitrag dafür sein, dass Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft einen respektvollen Umgang miteinander lernen“, so der Sprecher der Nordkirche, Stefan Döbler.

Unterschieden wird derzeit zwischen bekenntnisorientiertem und religionskundlichem Unterricht. Letzterer informiert Schüler neutral über die Religion. Der bekenntnisorientierte Unterricht soll zur Religion hinführen und wird von Lehrkräften erteilt, die der Religion angehören. Solch einen Unterricht fordert Fatih Mutlu, Chef der Islamischen Religionsgemeinschaft Schleswig-Holstein (Schura). Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz bieten solchen Religionsunterricht an. „Wir setzen auf religionskundlichen, überkonfessionellen Unterricht“, betont hingegen Kiels Bildungsministerin Britta Ernst. Derzeit werde so an 14 Grundschulen im Land und einer Gemeinschaftsschule verfahren. „Über eine Erweiterung dieses Modells muss man nachdenken“, sagte Ernst dem sh:z.

Die Religionsverbände sprechen nicht mit einer Stimme - und der Weg zum Staatsvertrag ist weit

In den meisten westdeutschen Bundesländern sprechen muslimische Schüler im Islamunterricht über das Leben Mohammeds und lernen Koranverse. Maßgeblich beteiligt an der Aufstellung der Lehrpläne sind dabei Religionsverbände, unter anderem die Ditib, die auch in Schleswig-Holstein Moscheen in Rendsburg und Kiel betreibt und direkt Erdogans Staatskanzlei untergeordnet ist.

Das Problem: Die Ditib spricht nur für einen Teil der Muslime im Land, viele Aleviten, Suniten und Schiiten fühlen sich von Erdogans Religionsbehörde nicht vertreten. Anders als bei der katholischen Kirche mit der Bischofskonferenz oder der evangelischen Kirche mit ihrem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm fehlt es den Muslimen an einer Dachorganisation die legitimiert ist, für alle Bürger islamischen Glaubens zu sprechen. Aus diesem Grund gestalten sich auch die Verhandlungen der Landesregierung über einen Staatsvertrag mit den Muslimen so schwierig.

Erst jüngst hatte die Küstenkoalition eingeräumt, dass diese Gespräche auf Eis liegen. Vielsagend und aufschlussreich ist die Antwort der Landesregierung auf die Frage der Piraten, mit wem verhandelt wird. Demnach wurden Gespräche geführt mit dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und den Aleviten, mit Ahmadiyya sowie mit der Islamischen Religionsgemeinschaft Schleswig-Holstein (Schura) und Ditib. „Die Komplexität der Themen“ lasse einen Abschluss der Verhandlungen vor dem Ende der laufenden Legislaturperiode nicht zu, so die Regierung.

Bei den Gesprächen ging es zum Beispiel um die Regelung islamischer Feiertage oder den Religionsunterricht an Schulen. „Wir haben überhaupt nichts gegen islamischen Religionsunterricht an den Schulen. Im Gegenteil: Wir fordern ihn sogar, aber er muss bekenntnisorientiert sein“, erklärte am Dienstag der Vorsitzende der Schura, Fatih Mutlu, der derzeit Ferien in der Türkei macht.

Genau diesen Weg will allerdings das Kieler Bildungsministerium nicht gehen und setzt weiter auf einen konfessionsübergreifenden Unterricht in Religionskunde, bei dem auch der Islam seinen Platz hat. Deshalb gibt es an Schleswig-Holsteins Hochschulen auch keinen Lehrstuhl für die Ausbildung islamischer Religionslehrer.

Damit hat sich das Land offenbar viel Stress erspart, denn sowohl aus Bayern als auch aus Nordrhein-Westfalen, wo es solche Studiengänge gibt (Erlangen und Münster), wird immer wieder über Streit zwischen den unterschiedlichen islamischen Religionsverbänden berichtet, die nicht an einem Strick ziehen und unterschiedliche Studienschwerpunkte fordern. Den gibt es auch an Schulen mit bekenntnisorientiertem Unterricht. Erst jüngst wurde in Hessen in einem Gutachten beklagt, das Verhältnis zu Juden und die Stellung der Frau im Koran werde bewusst in den Lehrplänen ausgeklammert.

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