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Kiel

22. Februar 2017 | 23:05 Uhr

Der erste Arbeitsplatz nach der Flucht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

32-jähriger Syrer ist einer der ersten Flüchtlinge, die in Kiel eine feste Anstellung gefunden haben / Agentur für Arbeit vermittelte ihn an Firma Zöllner

Es ist dieses eine Wort, das sich Hassan Karro schon besonders gut eingeprägt hat: Qualität. Wenn der 32-jährige Syrer erzählt, dann wechselt er oft vom Deutschen ins Englische und umgekehrt. Noch ist es für den Flüchtling leichter, sich so verständlich zu machen, um fehlendes Vokabular zu überbrücken. Dann sagt er Sätze wie diese: „I understand now the meaning of Qualität.“ Seitdem er bei der Kieler Firma Zöllner arbeitet weiß er, was Qualität bedeutet. Das will er damit sagen.

Hassan Karro ist einer der ersten Flüchtlinge in Kiel, die eine feste, sozialversicherungspflichtige Anstellung gefunden haben. Die Unterschrift unter seinem Arbeitsvertrag bei Zöllner ist gerade erst getrocknet. Mit Unterstützung der Kieler Agentur für Arbeit ist er bei dem Familien-Unternehmen mit 140 Mitarbeitern, das sich mit Sicherheitstechnik für Schiffe, Eisenbahn und Industrieanlagen einen Namen gemacht hat, untergekommen. Seit Mitte Juni, vorerst befristet bis Jahresende, arbeitet Karro in der Endmontage für Automatische Warnsysteme. Damit werden Gleisbauarbeiter vor Zügen gewarnt.

Zöllner-Geschäftsführer und CDU-Bundestagsabgeordneter Philipp Murmann sieht in dem Arbeitsvertrag seinen Beitrag, um Flüchtlingen eine Perspektive zu bieten. „Im Januar hatten der Leiter der Agentur für Arbeit und ich ein Gespräch über passende Bewerber. Im März hat sich Hassan Karro bei uns vorgestellt.“ Zuerst ging es um ein Praktikum. Karro habe sich in der Produktion gut eingefunden. Am Anfang habe er zwar Sprachprobleme gehabt, „aber das Deutsch wird immer besser“, so Murmann. Also habe er ihm einen Zeitvertrag angeboten: „Wenn’s gut läuft, geht es für ihn bei uns weiter“, verspricht Murmann: „Er ist ein besonderer Glücksfall.“

Hassan Karro kam vor etwa zehn Monaten nach seiner Flucht aus dem kurdischen Gebiet nahe der syrisch-türkischen Grenze nach Neumünster und anschließend nach Kiel. Sein Bruder lebt seit drei Jahren hier, will bald in Kiel studieren. Karro selbst hat in seiner Heimat studiert, mit Masterabschluss als IT-Ingenieur.

Im Januar nahm Karro an einem Kursus bei der Deutschen Angestellten-Akademie teil – dort traf er auf Kristin Köpcke (kl. Foto), die als Arbeitsvermittlerin im neuen „Team Asyl und Flucht“ bei der Agentur für Arbeit in Kiel tätig ist. Er ist einer von etwa 1600 Flüchtlingen aus den vier Ländern Irak, Iran, Syrien und Eritrea, die eine sichere Bleibeperspektive haben und zu der Zeit besonders von der Agentur gefördert wurden. Karro absolvierte eine Maßnahme namens „PerF“, Perspektive für Flüchtlinge, die ihn in das Praktikum führte.

Momentan betreut das Team um Kristin Köpcke noch etwa 850 weitere Asylbewerber und Geduldete bei der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung. Etwa die Hälfte von ihnen ist unter 25 Jahre alt. Oft liegen die Probleme in den fehlenden Sprachkenntnissen und am unklaren Aufenthaltsstatus begründet. „Wir können es an der Hand abzählen, wie viele von denen bereit für den 1. Arbeitsmarkt sind“, sagt Köpcke. Karro hatte Glück: Sein Asylantrag wurde nach seiner Teilnahme an „PerF“ positiv entschieden.

Was unterscheidet Karro von den anderen Flüchtlingen, die Köpcke betreut? „Er ist hochmotiviert“, berichtet die Arbeitsvermittlerin. „Er hat schnell Deutsch gelernt und sich neben seinem Praktikum selbstständig um andere Sprachkurse gekümmert, und das dauerhaft.“ Derzeit büffelt er nach Feierabend im Integrationskurs Deutsch und Landeskunde. Karro zählt sich zu einer neuen Generation von Immigranten: „Wir sind jung, viele ausgebildet, wir wollen Teil der Gesellschaft werden und das Land mitgestalten.“ Weil Deutschland ihm Schutz gewähre, wolle er etwas zurückgeben – seine Arbeitskraft.

Hassan Karro sieht es als Glück an, einen Job bei Zöllner gefunden zu haben. Beeindruckt ist er nicht nur von der Hilfsbereitschaft der Kollegen, sondern auch von der umfassenden Prüfung, bevor ein Gerät die Firma verlässt – ein Merkmal von Qualität. Für den 32-Jährigen so wichtig, dass er das Wort verinnerlicht hat.

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erstellt am 12.Jul.2016 | 06:04 Uhr

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