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Kiel

27. Februar 2017 | 14:46 Uhr

Flüchtlinge : Dem Deutschkurs soll der Job folgen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die neue Kieler Allianz will den Flüchtlingen berufliche Perspektiven bieten und damit für eine erfolgreiche Integration sorgen. Vorrangige Forderung: Asylbewerber lernen von Anfang an Deutsch – dann gibt es bald auch gute Arbeitsangebote.

Das Asyl-Verfahren ist ihnen zu langsam, zu unübersichtlich, zu bürokratisch. Gestern hat sich in Kiel eine ungewöhnlich breite Allianz gebildet, die ein gemeinsames Ziel verfolgt: den Flüchtlingen, die an der Förde stranden, eine berufliche Perspektive geben, ihnen Praktika und Jobs anbieten und auf diesem Wege die Grundlagen schaffen für eine gelungene Integration in deutschen Landen. Grundlage dafür ist wiederum die Sprache. Deshalb sollen Asylbewerber schon in der Erstaufnahme-Einrichtung Deutsch lernen und nicht erst, wie bisher, nach drei Monaten.

Hans Joachim Beckers von der Industrie- und Handelskammer (IHK) etwa vermisst eine durchgängige Sprachförderung. Er ist nicht der einzige. Angesichts von rund 400 jungen Flüchtlingen in den sogenannten DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) allein in den drei Regionalen Bildungszentren zeigt sich Wulf Wersig (RBZ Wirtschaft) „ratlos“, was die künftigen Kapazitäten angeht. „Wir müssen unentwegt improvisieren“, assistiert Sozial-Stadtrat Gerwin Stöcken. „Die deutsche Gründlichkeit ist uns abhanden gekommen.“ Laut Ingo Scheuse vom Unternehmensverband Kiel müssen die bestehenden bürokratischen Hürden so schnell wie möglich überwunden werden, wenn es etwa darum geht, einen Metallarbeiter aus Syrien oder dem Irak an die Drehbank zu stellen. „Viele Betriebe wollen helfen, wissen aber gar nicht, ob sie es in dieser Form überhaupt dürfen“, erklärt Scheuse.

Der DGB-Kern-Vorsitzende Frank Hornschu lobt die besondere Willkommenskultur in der Stadt – das sei so etwas wie die „Erste Hilfe für Flüchtlinge“. Doch man müsse auch fragen, wie es weitergehe. Genau an diesem Punkt will die neue Allianz ansetzen, der sich auch die Fachhochschule und die Kieler Wirtschaftsförderung (Kiwi), die Arbeitsagentur, das Jobcenter und der landesweite Flüchtlingsrat angeschlossen haben. Bildung stärken, Potenziale ermitteln, sicheren Aufenthalt schaffen, Arbeit ermöglichen heißt es (noch etwas allgemein) in der gestern unterzeichneten Erklärung. Oberbürgermeister Ulf Kämpfer bewertet die Übereinkunft als „ersten Schulterschluss“, gleich zu Beginn des neuen Jahres will man konkrete Projekte festzurren.

Dass die Anstrengungen auf fruchtbaren Boden fallen, daran haben die Unterzeichner der Allianz keine Zweifel. Nach drei Jahren Bürgerkrieg wie in Syrien oder sogar 30 Jahren Krieg wie in Afghanistan seien die Menschen bildungswillig, bildungsfähig und oft sogar bildungshungrig. Jürgen Ströh (RBZ Technik) erinnerte daran, dass Bomben und Granaten in der fernen Heimat auch den regelmäßigen Schulbesuch verhindert hätten. Doch selbst die schwierige deutsche Sprache könne die Flüchtlinge nicht schrecken. Ganz im Gegenteil: Wer die lange Flucht auf dem Landweg über den Balkan gemeistert hat, der hat zugleich Durchsetzungswillen, Hartnäckigkeit und auch Leidensfähigkeit bewiesen.  

Kommentar: Von wegen IS-Kämpfer oder auch nur intolerante, frauenfeindliche Muslime: Die Erfahrung der Experten im Umgang mit jungen Flüchtlingen widerlegt derlei Vorurteile über Asylbewerber. Sie wollen Deutsch lernen, sie wollen arbeiten, sie wollen sich eingliedern – sie dürfen es aufgrund der harten Gesetze aber nicht. Das bedeutet nicht, dass Konflikte ausbleiben. Groß sind die kulturellen Unterschiede, riesig sind auch die Erwartungen an Deutschland. Das neue Bündnis muss seine Feuertaufe deshalb erst noch bestehen. Zu allgemein sind die vereinbarten Ziele, es fehlt an konkreten Vereinbarungen. Doch der Ansatz ist richtig: Sinnvolle Arbeit ist besser als Langeweile in der Erstaufnahme.

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erstellt am 18.Nov.2015 | 19:22 Uhr

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