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Kiel

05. Dezember 2016 | 13:43 Uhr

Computermuseum FH Kiel : Das Geheimnis der Zuse 22

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Computermuseum der Fachhochschule Kiel gibt einen Einblick in 60 Jahre Technikgeschichte. Am Wochenende finden Sonderveranstaltungen statt.

Kiel | Kurz zusammengefasst: Es ist ein alter Bunker voller Schrott. „Andere halten das für Kunst“, sagt Ulrich Sowada augenzwinkernd und freut sich darüber, dass er regelmäßig Besucher mit auf eine Reise in längst vergangene Zeiten nehmen darf. Der Physiker ist Museumslotse im Computermuseum der Fachhochschule Kiel und beschäftigt sich leidenschaftlich gern mit Computertechnik seit der nullten Stunde.

Diese Leidenschaft teilt auch seine Frau Gabriele Sowada und kennt jede Ecke im denkmalgeschützten Bunker auf dem FH-Gelände wie ihre eigene Westentasche. Sie öffnet die Tür zum Ausstellungsraum in der zweiten Etage des umgebauten Weltkriegsbunkers auf dem FH-Gelände und geht zielsicher auf ihr Lieblingsstück im Museum zu: „Die streichle ich immer“, sagt sie lächelnd und lässt ihre Hand über das graue Metallgehäuse der Rechenmaschine gleiten. Es ist eine Siemens 2002 aus dem Jahre 1959. Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit: Auf ihr hat Sowada das Programmieren gelernt. Vor 45 Jahren.

Während ihrer Ausbildung zur mathematisch-technischen Assistentin in Berlin hat Sowada die Rechenmaschine kennen- und liebengelernt. Danach trennten sich ihre Wege. Sowada ging schließlich nach Kiel und das gute Stück weihte in den 70er und 80er Jahren in der Bundeshauptstadt Schüler der Dreilindenschule im Informatikkurs in die Geheimnisse der Programmierwelt ein. Danach wurde Sowadas alter Begleiter ausrangiert – kaputt. Er fand den Weg nach Eckernförde, wo er bei der Marine eingelagert wurde. Schließlich – nach einem Zwischenstopp in einem Lagerraum der Dataport Datenzentrale in Altenholz bei Kiel – verschwand die Siemsens in einer Baracke der Kieler Fachhochschule.

Eines Tages – es muss Anfang der 90er Jahre gewesen sein, erinnert sie sich – bekam Gabriele Sowada einen Anruf. Der technische Leiter des Berliner Instituts, an dem sie gelernt hatte, erzählte ihr von dem Stück. Es sollte ganz in ihrer Nähe stehen. Bei einer Stippvisite in der zugestellten Baracke konnte sie ahnen, dass es sich um ihren Lehrmeister handelt. Die endgültige Gewissheit aber kam erst ein paar Jahre später. Einer der Berliner Schüler, der nach ihr mit der Maschine arbeitete und eine Emulation – also eine Nachahmung des originalen auf moderne Computersysteme – dafür entwickelt hatte, erkannte die Aufkleber wieder, die am Gehäuse der Maschine angebracht waren.

Auch Ulrich Sowada verbindet Persönliches mit einem Austellungsstücke: Er hatte seine erste Programmiererfahrung mit einer Zuse 22 von 1958, wie sie auf der ersten Ausstellungsebene des Bunkers zu bestaunen ist. „Die Vorlesung dazu war langweilig“, erinnert er sich. Also kaufte er sich ein Buch darüber – „und nach einer Woche konnte ich programmieren“, erzählt er. Doch er gibt zu: „Einige Tricks habe ich nie gelernt.“ Das Gerät mit einem Bedienpult von der Größe einer massiven Werkbank und den mannshohen Schränken gefüllt mit 500 Elektronenröhren sowie einem Trommelspeicher brauchte rund eine Stunde, bis es fertig war zum Start. „Doch das ist das Warten wert“, sagt Ulrich Sowada. „Wie bei der ersten Liebe.“

Auf der dritten Etage des Bunkers kann jeder Besucher eintauchen in die alte Technikwelt und anhand der Emulationen fühlen, was Ulrich Sowada fühlte, wenn er seine Zuse 22 anschmiss, oder sehen, was Gabriele Sowada sah, als sie vor 45 Jahren zum ersten Mal vor ihrer Siemens 2002 saß.

Technik der jungen Generation suchen Interessierte vergeblich, auch wenn auf der dritten Etage des Bunkers ein Großteil der Museumsbesucher seinen ersten Rechner finden kann.

Für Smartphone, Tablet & Co. ist in der Ausstellung schlicht kein Platz. Sie beherbergt ausschließlich Stücke zwischen den Jahren 1940 und 2000. „Wir suchen aber noch einen Sponsor für eine vierte Etage“, merkt Gabriele Sowada lachend an. Beim Gestalten des Museums habe man sich von 80 Prozent der bestehenden Sammlung trennen müssen. Und über die getroffenen Entscheidungen war man sich nicht immer einig – viele Stücke stammen aus dem Fundus von Privatpersonen und den Mitgliedern des Fördervereins. „Das hat einigen das Herz gebrochen“, erinnert sich Gabriele Sowada.

Sie versteht das, denn auch wenn „ihre“ Siemens 2002 nur als stillgelegtes Anschauungsobjekt dient, erinnert sie sich noch zu gut, wie es war, wenn sie lief. Es habe ausgesehen wie im Film: „So etwas kennt man auch von Captain Kirk“, ergänzt Ulrich Sowada lachend und meint damit die vielen kleinen Lampen, die in der Kommandozentrale des Raumschiff Enterprise in der gleichnamigen TV-Serie blinkten. „Nur ist das hier nicht so kitschig. Weniger bunt.“ Dass die alte Siemens nicht mehr arbeitet, sei aber in Ordnung: „Sie sitzt auf ihrem Altenteil“, sagt Gabriele Sowada schmunzelnd. Sie freut sich, auch in einer Führung heute Nachmittag wieder Besucher für ihren Lehrmeister begeistern zu können.


> Heute um 15.15 Uhr nimmt Gabriele Sowada Besucher mit auf eine Zeitreise unter dem Titel „Mein erstes Programm“. Führungen morgen am Tag des offenen Denkmals: „Was ist Farbe“ um 14.14 Uhr mit Prof. Dr. Ulrich Sowada, 15.15 Uhr „Wie kommt die Farbe in den Computer?“ mit Prof. Dr. Walter Reimers.

Mehr Infos: www.computermuseum-kiel.de

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erstellt am 13.Sep.2014 | 05:30 Uhr

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