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Kiel

03. Dezember 2016 | 05:39 Uhr

Bedrohung von Kieler Schulen : „Coop-Erpresser“: Marzipanherzen führen zum Ermittlungserfolg - Verdächtiger schweigt

vom

Dank der ausgelegten Marzipan-Herzen konnte die Polizei den Tatverdächtigen ermitteln. Dieser schweigt zu den Vorwürfen.

Kiel | Im Fall des sogenannten Marzipan-Erpressers in Kiel hat die Polizei am Montag gegen 4 Uhr einen 38-jährigen Kieler in einem Mehrfamilienhaus festgenommen. „Damit können wir eine weitere Bedrohung zurzeit ausschließen“, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts am Montag. Nach Informationen von shz.de war der Mann über ein Jahr in China in Haft und soll dadurch aus der Bahn geworfen worden sein.

Weitere Angaben zu der Identität des Verdächtigen machte die Polizei nicht. In der Wohnung sei noch eine unbeteiligte Person gewesen. Montagfrüh war auch die Wohnung der Eltern des Verdächtigen in Kiel durchsucht worden. „Weil es Hinweise gab, dass es auch dort Beweismaterial geben würde“, so der Staatsanwalt.

In diesem Haus in Kiel wurde der Tatverdächtige festgenommen.

In diesem Haus in Kiel wurde der Tatverdächtige festgenommen.

Foto: rtn
 

Weitere Details haben die Ermittler am Montagnachmittag auf einer Pressekonferenz mitgeteilt. Demnach habe es bereits am Donnerstag, 8. September, erste Erpresser-E-Mails gegen die Handelskette Coop gegeben - also noch bevor die Marzipanherzen ausgelegt wurden. Am vergangenen Freitag seien die Ermittler schließlich auf die Spur des Verdächtigen gekommen. Dabei hätten die Marzipanherzen die entscheidende Rolle gespielt.

Durch kriminaltechnische Untersuchungen und Dank der Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Coop konnte die Polizei den Verkaufsweg der Herzen nachverfolgen. So gelang es ihr schließlich den Supermarkt, wo der Verdächtige die Herzen gekauft hatte, ausfindig zu machen. Video-Aufzeichnungen der Supermarkt-Filiale lieferten schließlich den Hinweis. „Ohne die Marzipan-Spur würden wir immer noch im Nebel stochern“, sagte Joachim Gutt, stellvertretender Landespolizeidirektor.

Als der Verdächtige schließlich am Sonntag gegen 23 Uhr eine Dose mit Lebensmitteln in der Nähe einer Bushaltestelle abstellte, sei der Tatverdacht so konkret gewesen, dass die Polizei am Montagmorgen zugreifen konnte.

Die Marzipanherzen seien mit einem natürlichen Insektenmittel manipuliert worden, sagte der Leiter der Kripo Kiel, Rolfpeter Ott, am Montagabend bei einer Pressekonferenz. Der Stoff wirke gegen Insekten, sei beim Menschen aber nicht tödlich.

Der Mann sitzt in Polizeigewahrsam, am Dienstag soll er dem Haftrichter vorgeführt werden. Bisher schweigt er zu den Vorwürfen. Er sei der Polizei bekannt gewesen, aber bisher nicht mit Taten vergleichbarer Schwere in Erscheinung getreten. Warum er nur die Handelskette Coop erpresst hat, sei den Ermittlern bisher nicht bekannt. Kripochef Ott: „Dazu haben wir keine Erkenntnisse, weil der Beschuldigte schweigt.“ Die Polizei nennt den Fall eine „herausragende und völlig atypische Erpressung“, weil es keine Geldübergabe gegeben hätte – und weil gezielt Kinder in Gefahr gebracht wurden. „Das war unsere besondere Motivation, den Täter schnell zu fassen“, sagte der stellvertretende Landespolizeidirektor. 

Nach der Festnahme konnte der Unterricht an den Kieler Schulen am Montag wie geplant stattfinden. Die Ermittlungen seien trotz der Festnahme noch nicht abgeschlossen, so der Sprecher. Zugleich erinnerte der Sprecher an die bestehende Warnung, bei gefundenen Lebensmitteln besondere Vorsicht walten zu lassen. Vom Verzehr werde dringend abgeraten.

Die Stadt Kiel, Oberbürgermeister Ulf Kämpfer und Coop gratulierten der Polizei zum Fahndungserfolg und zeigten sich erleichtert. „Das war richtig gute Ermittlungsarbeit“, schrieb Kämpfer auf Facebook. Dem beängstigenden Spuk sei damit hoffentlich ein Ende bereitet worden. Coop zeigte sich in erster Linie erfreut, dass bei dieser „perfiden Tat, die gegen Kinder und damit die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft gerichtet war, niemand zu Schaden gekommen ist“.

Ein mulmiges Gefühl blieb bei vielen Eltern aber auch über das Wochenende. Sie habe sich schon Gedanken gemacht, ob es weitere Drohungen geben werde, gegen ihre oder andere Schulen, sagt eine Mutter, die am Montagmittag ihre Tochter von der Muhlius-Schule abholt. Die Schule liegt nicht weit entfernt von der Wohnung, in der der Verdächtige festgenommen wurde. Am Morgen sei dann Erleichterung eingetreten: „Ich habe vor Schulbeginn im Internet gelesen, dass jemand geschnappt wurde. Da war ich schon beruhigt“, sagt die Mutter einer Zweitklässlerin.

Auch die Mutter des kleinen Marius, der in die erste Klasse geht, ist erleichtert. „Ich war schon ein bisschen ängstlich, wie es weitergeht“, sagt Sandra Clausen. Nina Gutzeit gibt sich relativ gelassen. „Ich bin davon ausgegangen, dass die Polizei die Kinder bei Gefahr nicht in die Schule lässt“, sagte die Mutter einer Erstklässlerin. Alle drei Mütter sagen, sie hätten ihren Kindern aber schon vor dem Vorfall verboten, Sachen aufzuheben und in den Mund zu stecken. Egal, ob auf dem Schulhof, dem Spielplatz oder anderswo.

Der mutmaßliche Erpresser habe Eltern und Kinder in Angst und Schrecken versetzt, sagte Kiels Schuldezernentin Renate Treutel. Es sei beruhigend zu wissen, dass er nun in Gewahrsam genommen sei und dass sichergestellt werden konnte, dass kein Kind zu Schaden gekommen ist. „Eltern können ihre Kinder nun wieder ohne Sorgen zur Schule schicken“, sagte Treutel.

Der Bereich um die Muhliusschule ist weiträumig abgesperrt.
Der Bereich um die Kieler Muhliusschule war am Freitag weiträumig abgesperrt. Foto: Dörte Moritzen
 

Der Erpresser hatte von der Handelskette Coop einen Millionenbetrag in der digitalen Währung Bitcoins gefordert. Dabei habe der Täter jedoch einen Weg vorgeschlagen, der nach Angaben eines Coop-Vorstandsmitglieds rein technisch gar nicht möglich sei, berichteten die „Kieler Nachrichten“ weiter. Coop wisse auch nicht, was den Erpresser zu seiner Tat veranlasst habe.

Was ist Bitcoin?

Bitcoin ist eine digitale Währung, die im Internet entstand. Sie ist seit 2009 im Umlauf. Bitcoins werden in komplizierten Rechen-Prozessen erzeugt, können aber auch im Internet mit etablierten Währungen wie Dollar oder Euro gekauft werden. Sie kommen vor allem bei Zahlungen im Internet zum Einsatz.

Bitcoins sollen einen Zahlungsverkehr ermöglichen, der unabhängig von Regierungen und Banken funktioniert. Wegen geringer Kontrolle und großer Schwankungen sind Bitcoins umstritten. Als Urheber des Bitcoin-Konzepts gilt eine Figur namens Satoshi Nakamoto. Wer sich dahinter verbirgt, ist ungeklärt.

 

Zuvor hatte der Erpresser weiteren Schulen gedroht. Am Freitag hatte die Polizei drei Schulen in Kiel räumen lassen und durchsucht. Spürhunde und Sprengstoffexperten kamen am Morgen erst in die Muhliusschule; danach waren die Käthe-Kollwitz-Schule und die Hebbelschule dran. Am Nachmittag gab die Polizei Entwarnung für die drei überprüften Schulen.

Es wurden an der Muhliusschule zwei Gegenstände und an der Hebbelschule ein Gegenstand gefunden und vom Kampfmittelräumdienst untersucht. Die Gegenstände haben sich als ungefährlich herausgestellt.

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erstellt am 19.Sep.2016 | 20:40 Uhr

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