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Kiel

05. Dezember 2016 | 05:32 Uhr

Hauptbahnhof in Kiel : „Bullenauto klauen und schrotten“: Wie eine Mädchenbande die Bundespolizei narrt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie beschmieren Dienstwagen und verspotten die Beamten: Jetzt schaltet sich die Staatsanwaltschaft in den ungewöhnlichen Fall ein.

Kiel | Sie zerstechen Autoreifen, zerkratzen Scheiben, besprühen Streifenwagen mit polizeifeindlichen Parolen: Eine Mädchen-Bande treibt am Kieler Hauptbahnhof ein übles Spiel mit den Beamten der Bundespolizei. Seit Ende August hält die Gang die Inspektion auf Trab – und zum Narren. Vier Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren sind aktenkundig. Als die Beamten ein beschmiertes Auto entdeckt hatten und zwischenzeitlich mit Dienstwagen auf einen anderen Parkplatz auswichen, riefen die Jugendlichen „fröhlich bei uns an und sagten: ,Wir haben auch den zweiten bemalt’“, berichtet Bundespolizeisprecher Michael Hiebert.

Die Mädchen wurden schon mehrfach auf frischer Tat ertappt und in die Diensträume im Bahnhof gebracht. Weder ließen sie sich bisher von Strafanzeigen abschrecken, noch schrecken sie offenbar vor Gewalt zurück. Anfang September zog die 16-Jährige in den Räumen der Inspektion plötzlich ein Messer aus der Tasche, als sie durchsucht werden sollte. Sie bedrohte damit die Beamten. Bei ihr fand eine Polizistin später zwei Rasierklingen. Im Rucksack des Mädchens entdeckte die Polizei neben einem Joint und Einbruchswerkzeug eine „To-Do-Liste“ mit Plänen für die nächste Zeit.

Dazu gehörten „Bullenauto klauen und schrotten“, „in Tankstelle einbrechen“ oder „einbrechen, klauen und Widerstand leisten“. Über diesen Vorfall, an dem auch eine polizeibekannte 14-Jährige beteiligt war, die mit 2,75 Promille Atemalkohol in eine Klinik gebracht wurde, hatte die Bundespolizei bereits berichtet. Sprecher Hiebert bestätigte nach dem Bekanntwerden weiterer Vorfälle, dass es sich um ein und dieselbe Bande handelt.

Die Serie begann am 30. August, so Hiebert. Da habe eine Zeugin eine junge Täterin dabei beobachtet, wie diese ein Dienstauto der Bundespolizei beschädigte: „Sie warf eine Bierflasche auf das Auto“, berichtete Hiebert. „Das war der erste Kontakt. Danach gab es Woche für Woche immer wieder Beschädigungen an den Fahrzeugen.“ So wurde ein Streifenwagen mit den Buchstaben „ACAB“ beschmiert – diese stehen für die Parole „All Cops Are Bastards“, was frei übersetzt so viel wie „Alle Bullen sind Schweine“ bedeutet.

Es könnte ein Hinweis auf die bislang völlig unbekannte Motivation der Jugendlichen sein. „Sie stellen mit ihren Taten die Autorität der Polizei in Frage“, sagte Sprecher Hiebert. Die Mutter eines der Mädchen habe signalisiert, es gebe ein „gestörtes Verhältnis zur Polizei“. Aber warum das so ist, habe man noch nicht herausfinden können, so der Sprecher. Die Jugendlichen hätten teilweise schlechten Kontakt zu den Eltern, die 16-jährige sei in einer betreuten Einrichtung.

Zumindest eine Konsequenz habe bei den Mädchen einen Eindruck hinterlassen: Beim letzten Vorfall – die Gruppe wurde auf frischer Tat ertappt, als sie einen Streifenwagen beschmierte – wurden die Handys einkassiert, um mögliche Beweise zu sichern. „Hinterher hat eine Mutter sich gemeldet und berichtet, das habe ihre Tochter getroffen“, erklärte Hiebert. Für seine Kollegen seien diese Taten mit einem „merkwürdigen Gefühl“ verbunden.

Die Kieler Staatsanwaltschaft, der die Taten laut Oberstaatsanwalt Axel Bieler bisher nicht bekannt waren, hat sich nun in den Fall eingeschaltet: „Wir kümmern uns um den Vorgang“, bestätigte Bieler gestern. Eine juristische Bewertung und damit mögliche strafrechtliche Konsequenzen für die über 14-Jährigen stehe noch aus. Für die 13-Jährige sei das Jugendamt involviert. Es prüft, ob Jugendhilfemaßnahmen erforderlich sind.

Grundsätzlich sind die Taten für Bieler keine „Streiche“ mehr, sondern „offensichtliche gemeinschädliche Sachbeschädigungen, bewusste Provokationen, eventuell Beleidigung“. Es handele sich um einfache Kriminalität und keine schwerwiegenden Straftaten, die im gesellschaftlichen Kontext allerdings „sicherlich mehr als lästig“ seien: „Es ist Ausdruck mangelnden Respekts gegenüber der Obrigkeit“, so Bieler. Da die Taten nicht heimlich begangen worden seien, zieht er zudem eine sozialpädagogische Sichtweise heran: „Das Verhalten mag eine Art Hilfeschrei sein, ein Betteln um Aufmerksamkeit.“

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erstellt am 13.Okt.2016 | 20:49 Uhr

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