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Kiel

06. Dezember 2016 | 13:12 Uhr

Angst vor der Freundin : Bisse, Schläge, Ohrfeigen für den Briefträger (28)

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seine Freundin setzte den 28-jährigen Post-Zusteller massiv unter Druck. Weil er eines Tages mit seiner Runde nicht rechtzeitig fertig wurde, nahm er 420 Postsendungen mit nach Hause. Er verlor nicht nur seinen Job. Das Amtsgericht verurteilte ihn zu 1800 Euro Strafe.

Mit einem kuriosen Fall beschäftigte sich gestern das Amtsgericht in Kiel. Ein ehemaliger Briefträger, heute 28 Jahre alt, hatte Ende 2014 einfach zwei Kisten voller Postsendungen mit nach Hause genommen. Er war mit seiner Runde schlichtweg nicht fertig geworden, fühlte sich aber von seiner Lebensgefährtin kräftig unter Druck gesetzt. Wenn er nicht rechtzeitig – zum gemeinsamen Einkaufen – nach Hause gekommen wäre, hätten ihn Ohrfeigen, Schläge und Bisse erwartet.

Mit Erstaunen hörten sich Staatsanwältin und Richterin die ungewöhnliche Beichte an. „Ich wurde früher immer wegen meines Körpergewichtes gehänselt. Ich hatte wenig Selbstbewusstsein, habe mich immer unterbuttern lassen“, sagte der 28-Jährige L., der aus Oberhausen (Nordrhein-Westfalen) stammt und in Kiel offenbar die Liebe seines Lebens fand – eine geschiedene Frau und Mutter zweier kleiner Kinder. Mir ihr verlebte er einen Urlaub in Polen.

Die Tatsache, dass er zu diesem Zeitpunkt wegen eines Bandscheibenvorfalls krank geschrieben war, sollte später als Erpressungsmittel dienen. Sie drohte ihn bei der Post zu verpfeifen, wenn er nicht spurt. So musste der Briefträger nach Dienstende flugs nach Hause eilen, um seiner „Partnerin“ zu Diensten zu sein. Ohrfeigen und Schläge musste er ertragen, auch blutige Bisse. Zudem fielen Sätze wie „Ich mache dir das Leben zur Hölle.“

Der Frau zur Seite stand ihr Ex-Mann. Er hielt sich, obwohl geschieden, den ganzen Tag über ihrer Nähe auf und beteiligte sich an der Einschüchterung des neuen Freundes. „Ich habe getan, was sie mir gesagt haben“, gab der Angeklagte gestern zu Protokoll. Als er eines Tages im November 2014 mit dem Austragen nicht rechtzeitig fertig wurde, nahm er auf ihre Anordnung hin zwei Kisten mit Briefen, Zeitschriften und Warensendungen einfach mit nach Hause.

Insgesamt 420 Postsendungen lagerten wochenlang im Keller, bis die Frau und ihr Ex sie öffneten. Ihre Beute: Drucker-Patronen, ein Hörbuch, ein paar Bahntickets. L. saß nach eigenen Worten dabei, legte aber keine Hand an. Er dachte nur bange an das strenge Briefgeheimnis: „Wenn das rauskommt, bin ich arm dran.“

Es kam heraus. Denn nach einem heftigen Streit, der schließlich zur Trennung führte, rief ausgerechnet der Ex die Polizei und führte sie zu den geöffneten Briefen. Die Konsequenz: L. verlor seinen krisenfesten Job, er zog zurück nach Oberhausen, wo er sich seitdem als Hilfsarbeiter verdingt. Und das Amtsgericht Kiel bestrafte ihn gestern für den „Verwahrungsbruch“ vergleichsweise milde mit 1800 Euro Buße. Er nahm das Urteil sofort an, wird aber trotzdem wohl noch einmal vor Gericht auftreten müssen, wie die Richterin bereits ankündigte. Dann allerdings als Zeuge im Verfahren gegen seine einstige Lebensgefährtin und ihren Ex-Mann.  

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erstellt am 29.Nov.2016 | 18:16 Uhr

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