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Kiel

04. Dezember 2016 | 09:15 Uhr

JVA Neumünster : Behandlungspfusch im Gefängnis: Ministerium räumt Fehler des Zahnarztes ein

vom

Zahnbehandlung mit schweren Folgen: Dennis U. möchte neue Kronen und Brücken und 10.000 Euro Schmerzensgeld.

Neumünster | Wurzelreste im Kiefer, verpfuschte Kronen, ignorierte Schmerzen und Hygienemängel: Das Justizministerium prüft schwere Vorwürfe von Häftlingen über die schlechte zahnmedizinische Behandlung in der Justizvollzugsanstalt Neumünster. Unterdessen haben drei ehemalige Häftlinge Strafanzeige erstattet – unter anderem wegen fahrlässiger Körperverletzung, Verletzung der Fürsorgepflicht und unterlassener Hilfeleistung.

Die Staatsanwaltschaft Kiel bestätigt den Eingang der Anzeigen. Wie Oberstaatsanwalt Axel Bieler erklärt, seien zwei der Verfahren gleich eingestellt worden. Grund: „Die Anzeigeerstatter sind jeweils mangels öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung auf den Privatklageweg verwiesen worden.“

Auf dem Tisch der Behörde liegt nun noch die Anzeige von Dennis U. (36). Er saß bis Oktober 2015 drei Jahre wegen Betrugs in der Justizvollzugsanstalt Neumünster  und sagt: „Obwohl es zahlreiche Beschwerden gab, hat das Land viele Jahre lang einen Zahnarzt beschäftigt, der unsauber gearbeitet hat. Das ist mit der Fürsorgepflicht für die Gefangenen nicht vereinbar.“ Seine Anzeige richte sich deshalb auch gegen Verantwortliche im Justizministerium und die Leiterin der JVA Neumünster.

Der mutmaßliche Pfusch, der Dennis U. starke Schmerzen bereitet, ist mittlerweile gutachterlich belegt. Kronen und Brücken entsprechen nicht dem zahnmedizinischen Standard, heißt es in einer zwölfseitigen Expertise über die Arbeit von Dr. Michael M., dem mittlerweile pensionierten Zahnarzt der Justizvollzugsanstalt. Die Kronenränder sollen überdimensioniert sein, der Biss nicht richtig eingestellt. Die daraus resultierende Überlastung der Kaumuskulatur habe sogar den Kiefer verschoben. Die Gutachterin schreibt: Der Zahnersatz muss komplett erneuert werden. Kosten: knapp 10.000 Euro.

Dennis U. ist klar, dass eine Behandlung auch mal schieflaufen kann. Was ihn wütend macht ist, dass seine Schmerzen ignoriert wurden: „Ohne Schmerztabletten war und ist es nicht auszuhalten“, berichtet er. Und auch der Nachfolger von Dr. M. habe ihm keine Linderung ermöglicht. „Der neue Zahnarzt machte ein Röntgenbild, hat aber trotz der erkennbaren Mängel keine Behandlung begonnen. Das werte ich als unterlassene Hilfeleistung.“

Dennis U. klagt auf neue Kronen und Brücken und 10.000 Euro Schmerzensgeld. Derzeit läuft ein Beweissicherungsverfahren beim Landgericht Kiel (Az. 8OH13/15). „Es ist noch nicht abgeschlossen“, erklärt Wolf Gehrmann, Sprecher im Justizministerium. Im Fall eines weiteren Häftlings hat das Ministerium aber bereits „mit großem Bedauern“ zugegeben, dass es durch Zahnarzt M. zu Fehlern gekommen ist.  „Für meinen Mandanten werden die Kosten der erneuten Behandlung übernommen“, sagt dessen Rechtsanwalt, Till-Alexander Hoppe. Das Geld dafür will sich das Ministerium von Dr. M. zurückholen, prüft Regressansprüche.

Ob es bei Dennis U. zu einer außergerichtlichen Einigung kommt oder zum Zivilprozess, ist offen. „Ich hoffe, dass ich wegen der Schmerzen eine Soforthilfe bekomme und die Behandlung beginnen kann“, sagt er. Um Druck zu machen, hat U. Politikern verschiedener Fraktionen von seinem Fall berichtet, was in Verbindung mit den Beschwerden weiterer Häftlinge über die medizinische Versorgung bereits zu einer Anhörung von Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) im Innen- und Rechtsausschuss führte.

Daniel Günther, Vorsitzender der CDU-Fraktion, sagt: „Strafgefangene haben einen Anspruch auf eine ordnungsgemäße medizinische Behandlung. Sollte es sich herausstellen, dass Behandlungen über einen längeren Zeitraum trotz entsprechender Rückmeldungen nicht ordnungsgemäß durchgeführt wurden, stellt dies ein Versäumnis des zuständigen Ministeriums dar.“ Dennis U. ist sich deshalb sicher, dass seine Strafanzeige gute Chancen hat, nicht eingestellt zu werden.

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erstellt am 16.Aug.2016 | 14:54 Uhr

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