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Kiel

02. Dezember 2016 | 19:10 Uhr

Schleswig-Holstein : Baubehörden vs. Waldkindergärten: Warum Kinder nicht in Holzhütten spielen dürfen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Holzhütte zum Schutz? Was für Schafe möglich ist, verbietet ein Gesetz für Kindergärten. Die verstehen die Welt nicht mehr.

Kiel | Bis vor zwei Jahren lief alles ganz normal. Eltern, die die Idee vom immergrünen Gruppenraum toll fanden, gründeten einen Waldkindergarten. Meistens gab die Gemeinde sofort grünes Licht, der Forst ein passendes Grundstück und die Heimaufsicht ihre Zustimmung – schließlich waren Kitaplätze rar, die Nachfrage groß und das Konzept vom Spielen unterm Blätterdach überzeugend. Doch seit einiger Zeit droht den Waldgruppen Ungemach: Für neue Bauwagen oder Holzhütten, in denen sie Spielzeug lagern und bei Platzregen Unterschlupf suchen können, gibt es häufig keine Genehmigung mehr, für vorhandene mancherorts sogar die Abrissverfügung.

Nach Aussage des Bundesverbandes der Waldkindergärten haben 30 Kitas im Land Probleme mit Behörden, die den Abriss von Schutzhütten verfügten oder es verbieten, Bauwagen aufzustellen. Etliche Elterninitiativen haben deshalb Neugründungen auf Eis gelegt.

Hintergrund der Debatte sind Naturschutzauflagen und eine strengere Auslegung des Paragrafen 35 der Baugesetzgebung. Danach ist Bauen im Außenbereich nur in Ausnahmefällen gestattet – und zwar nur für privilegierte Vorhaben. Ein Schafstall wäre so ein privilegiertes Vorhaben, auch eine Biogasanlage oder ein Windrad – ein hölzerner Unterstand für die Kids nicht.

Ute Schulte-Ostermann vom Bundesverband der Waldkindergärten versteht angesichts der aktuellen Entwicklung die Welt nicht mehr. „Schleswig-Holstein fängt an, komisch zu ticken“, sagt die engagierte Pädagogin aus Kiel. Bundesweit seien die Unterstände kein Problem. „Bayern und Baden-Württemberg haben die Kinder kurzerhand per Gesetz den Schafen gleichgestellt und Kitas zu privilegierten Waldnutzern ernannt“, berichtet sie. Nur im nördlichsten Bundesland – und neuerdings wohl auch in Mecklenburg Vorpommern – gebe es Probleme. „Einige Elterninitiativen haben ihre Kita-Pläne schon auf Eis gelegt, andere fürchten um ihren Bestand.“

Auch Irmela Witt von den „Wühlmäusen“ in Preetz schüttelt den Kopf. „Waldkitas haben sich bewährt. Bildung, Gesundheit, Sozialverhalten – alles bestens. Doch plötzlich brauchen wir eine Baugenehmigung, nach der vorher niemand gefragt hat.“ Alles hänge jetzt am Ermessen eines Sachbearbeiters, ob dieser bereit sei, „die Akte noch einmal nach unten im Stapel zu schieben“, so ihre Erfahrung.

Betroffen von der neuen Härte des Gesetzgebers sind laut Will rund 30 Kitas im Land – von Flensburg, wo Eltern resigniert aufgaben, über Malente, wo es nicht weitergeht, bis Rendsburg, wo Eltern aktuell hartnäckig für eine Holzhütte kämpfen. Hoffnung, dass das Kieler Innenministerium als oberste Baubehörde ein Machtwort spricht, hat Will längst aufgegeben. Ihre Bittbriefe fanden kein Gehör.

Dabei reibt das Ministerium seine Hände in Unschuld. „Von unserer Seite hat es keine Verschärfung der Vorschriften für Waldkindergärten gegeben“, betont Ministeriumssprecher Patrick Tiede und verweist auf einen Leitfaden, den sein Haus zusammen mit Sozialministerin Kristin Alheit verfasst hat. Darin werden minutiös der Abstand zu Bäumen im Forst und das Verbot von Bauten im Außenbereich sowie die Belange des Naturschutzes und der Landschaftspflege beschrieben.

Auch von Alheit kommt kein klares Bekenntnis zu den Waldkitas. Zwar räumt sie ein, diese seien eine „anerkannte Alternative zur herkömmlichen Kita“ , und bei der Einrichtung seien „alle Beteiligten gefordert, eine Lösung zu finden, bei der das Wohl der Kinder im Mittelpunkt steht“. Zugleich müssten jedoch „beispielsweise Naturschutzbelange beachtet werden“.

Ob diese Positionierung den Betroffenen weiterhilft? Zum Beispiel den „Tummetotts“ in Rendsburg? Sie wollen eine Hütte auf einer Wiese neben einem Wäldchen errichten. Auch hier erweist sich besagter Paragraph 35 als Spaßbremse. Für das betreffende Gebiet gibt es keinen Bebauungsplan, also gibt die Baubehörde nur grünes Licht für privilegierte Bauten – also nicht für Kitas. Der von der Kirche getragene Bokhorster Waldkindergarten in Schillsdorf bei Neumünster soll gar seinen von Bingo-Lotto gespendeten Bauwagen entfernen, der im Privatwald von Harry von Bülow steht. Die Kinder – seit vier Jahren im Wald – würden scheue Tiere vertreiben und durch das Herumtollen den Boden verdichten, so die die staatlichen Naturschützer.

Kirchenvorstand und Elternbeirat bedauern die mangelnde Unterstützung aus den Reihen der Kreis- und Landespolitik. Britta Reise, Leiterin des Kreisbauamtes Plön, kann den Ärger der Eltern in gewisser Weise nachvollziehen. „Früher galten die Bauwagen nicht als bauliche Anlagen. Alles wurde großzügiger gehandhabt, heute hat sich das Bewusstsein geändert“, erklärt sie, und wer genau hinhört, hört Bedauern in ihrer Stimme.

Kommentar: Gutsherrliche Arroganz

Es sind nicht immer nur garstige, egoistische Senioren, die gegen Kitas und Spielplätze in unmittelbarer Nachbarschaft klagen. Offenbar tragen starrsinnige Ministerialbeamte mindestens ebenso viel zum Bild eines kinderfeindlichen Schleswig-Holsteins bei wie die ruhebedürftigen Alten. Nur dass Letztere – sofern sie sich öffentlich äußern – in den Medien schnell an den Pranger gestellt werden. Behörden hingegen können sich unbeschadet mit Natur- und Landschaftsschutz herausreden. In gutsherrlicher Arroganz pochen sie bei Waldkindergärten auf den Buchstaben des Gesetzes und nutzen Ermessensspielräume nicht aus.

Die Frage ist doch, warum klappt bei uns nicht, was in Baden-Württemberg und Bayern per Federstrich der Ressortchefs möglich ist: eine Ausnahmeregelung für Waldkitas? Wollen Innenminister Studt und Umweltminister Habeck nicht in einer für sie absehbar desaströsen Diskussion über den Wert „störender“ Kinder sowie „naturverträglicher“ Biogasanlagen und Schafställe Schaden nehmen, sollten sie schnellstens einlenken und ihre rot-grüne Verbotsideologie überdenken. Die Sorge, dass unsere Landschaft demnächst nicht nur durch Windmühlen, sondern auch durch immer mehr Waldkitas verschandelt wird, ist unbegründet. So viele Kinder gibt es im Norden gar nicht!

Etwas mehr Großzügigkeit ist auch aus fiskalischer Sicht sinnvoll. Das Spielen unterm Blätterdach ist allemal kostengünstiger als unterm Ziegeldach.

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erstellt am 23.Nov.2016 | 16:06 Uhr

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