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Kiel

31. August 2016 | 06:18 Uhr

FestunG Friedrichsort : Aus dem Dornröschenschlaf erwecken

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kiel hat die Festung Friedrichsort für ein Bundesprogramm angemeldet. Damit könnte die von den Dänen vor 400 Jahren errichtete Anlage an Bedeutung und Attraktivität gewinnen. Der Verein Freunde der Festung will Deutschlands einzige erhaltene Seefestung wieder erlebbar machen

Der alte preußische Eingang ist mit einem Trecker verstellt, Gestrüpp rankt an den Wänden hoch, verloren steht eine Kinderrutsche neben einem aufgebockten Fahrzeug. Besucher kommen nicht zwangsläufig auf die Idee, dass sie sich mitten in Deutschlands einziger Seefestung befinden. Doch die Zeit des Dornröschenschlafs könnte für die Festung Friedrichsort bald vorbei sein. Die Stadt möchte, dass die von den Dänen angelegte Festung als „nationales Projekt des Städtebaus“ in ein lukratives Bundesprogramm aufgenommen wird. Die Ratsversammlung wird morgen (15 Uhr, Ratssaal, Rathaus) darüber entscheiden.

Sollte der Antrag Zustimmung finden, könnte Geld fließen für die Herrichtung der Anlage. Seit Jahren schon bemüht sich ein eigener Verein um finanzielle Unterstützung durch die Stadt Kiel – doch alle Bitten und Appelle verhallten ungehört. Drei Dutzend Köpfe zählen die „Freunde der Festung Friedrichsort“, die sich 2004 gegründet hatten. Sie warten förmlich nur darauf, dass der Anlage die gebührende Anerkennung zuteil wird. „Wir wollen die Festung wieder erkennbar machen“, sagt Axel Dubitscher, der gelegentliche Führungen organisiert.

Er kann mit wenigen Sätzen erklären, wie die Anlage gleich hinter dem Friedrichsorter Deich seit Jahrhunderten die geopolitische Lage in Nordeuropa beeinflusst hat. 1637, mitten im Dreißigjährigen Krieg, war die erste Anlage fertig. „Christianspries“ diente als militärische Rückversicherung der Dänen gegen die Schweden. Eine schwedische Flotte sollte sich nicht unbemerkt von Süden her der Hauptstadt Kopenhagen nähern können. Die Kämpfe blieben nicht aus. Im weiteren Verlauf des Krieges beschossen sich die verfeindeten Skandinavier sogar zwischen Laboe und Friedrichsort über die Förde hinweg. Der Festungskommandant führte seine Truppen um die Förde herum und lieferte sich mit den Schweden einen blutigen Nahkampf. 1300 Tote soll es gegeben haben.

Mit dem Waffenstillstand 1648 war das erste Festungskapitel geschlossen. 1667 entstand unter dem Dänen-König Friedrich III, die Festung „Friedrichsorth“. Fünf sogenannte „Nasen“ erhielt sie, ringsherum einen Wassergraben, in denen noch zusätzliche kleine Inseln („Ravellins“) angelegt wurden. 150 Jahre lang diente sie unter anderem als Gefängnis, in dem wegen Hochverrats auch Jens Uwe Lornsen einsaß, der Vorkämpfer eines geeinten Schleswig-Holsteins.

1864 fiel die Festung an die Preußen. Die neuen Herrscher lassen eine Brücke vor dem Westtor anlegen, es werden neue Kasematten, stabile niedrige Gebäude, für Soldaten, Munition und Proviant gebaut. Bis zum 1. Weltkrieg bleibt die militärische Nutzung vorrangig, danach dient die Festung als Quartier für Familien aus Westpreußen und auch als Kindererholungsheim. Die Reichsmarine richtet 1922 vor Ort eine Funkstelle ein. Die SA unterhält ab 1933 eine Seesportschule, die Festung nimmt Flak-Einheiten auf, auch Zwangsarbeiter werden hier einquartiert. Ab1946 kommen Flüchtlinge aus dem Osten in den Kasematten unter, Teile der Festung bleiben bis ins Jahr 1974 hinein Obdachlosenlager. Aber schon 1956 zieht auch die neu gegründete Bundeswehr ein. Zehn Jahre später wird die Festung unter Denkmalschutz gestellt. Das kann aber weder die Zuschüttung des Westgrabens verhindern noch industrielle Ansiedlungen. Doch in den Köpfen der Menschen bleibt die Festung Friedrichsort erhalten. 3500 Menschen zählen die Veranstalter 1993, als sich die Festung erstmals am Tag des offenen Denkmals präsentiert.

Wulf Dau-Schmidt, der Vereinsvorsitzende, spricht von spannenden historischen Elementen, deren Bedeutung gar nicht überschätzt werden könne. Im Grunde besitzt die Stadt Kiel nach seinen Worten zwei historische Keimzellen, die Altstadtinsel und eben die Festungsanlage in Friedrichsort. Allerdings sei das Thema hierzulande bislang „nicht so weit oben platziert, wie es ihm zustehen würde“. Das sei bei den Dänen ganz anders, gelten doch die alte Festung neben der Meerjungfrau in Kopenhagen und die Anlage in Friedrichsort als baugleiche Zwillinge. Aufmerksam verfolgen ranghohe Delegationen das Procedere in Kiel.

Dau-Schmidt und der Verein der Freunde der Festung möchten erreichen, dass die Festung wieder öffentlich zugänglich und der schleichende Verfall bekämpft wird. Gegenwärtig könnten die Notheizungen nicht verhindern, dass beständig Feuchtigkeit in die dicken Wände eindringt. Die Restauration von Wällen, Gräben und Kasematten funktioniere allerdings nur mit öffentlichen Geldern. Dafür kann sich Dau-Schmidt dann eine verheißungsvolle Zukunft vorstellen: mit einer modernen Infrastruktur, mit Weiterbildungs- und Tagungsmöglichkeiten. Und bei der angepeilten Gartenschau 2020 könnte sich die Festung dann in voller Schönheit ihren Gästen präsentieren.


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erstellt am 28.Okt.2014 | 17:57 Uhr

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