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Kiel

26. Februar 2017 | 04:48 Uhr

Auge in Auge mit dem eigenen Opfer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Äußerlich wie eine Eiche wirkt der Gefangene, dazu an Armen und Hals eine Ansammlung verschiedenster Tätowierungen. Erst 26 jahre alt wird der junge Mann demnächst, aber in Haft hockt er jetzt schon das dritte Mal. Einmal hatte er, der in einem Heim aufwuchs und bereits als 14-Jähriger illegale Drogen zu sich nahm, jemandem das Nasenbein zertrümmert, mal einem anderem das ganze Gesicht. „Die hatten mich beleidigt“, sagt er heute dazu, „dann hab ich reingehämmert.“ Der Gedanke, Konflikte auch anders lösen zu können, kam ihm früher nie.

Seit ein paar Monaten durchläuft er nun zusammen mit mehreren anderen Gefangenen der JVA Kiel freiwillig ein Opfer-Empathie-Training im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs (TOA), das als Pilotprojekt im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts von Wissenschaftlern der Fachhochschule (FH) Kiel neben der JVA zur Zeit auch in der Jugendanstalt (JA) Schleswig durchgeführt wird. Ziel ist die Weiterentwicklung von Methoden, um Täter für das Leid ihrer Opfer zu sensibilisieren, sie von weiteren Straftaten abzuhalten und Opfern zugleich die Möglichkeit zu verschaffen, erlebte traumatische Erfahrungen besser verarbeiten zu können. Was er bisher gelernt habe, wird der junge Gefangene an diesem Tag von JVA-Besuchern gefragt. „Dass Opfer auch nur Menschen sind“, antwortet er, „darüber hab ich früher nicht nachgedacht.“

Die Bedeutung solch moderner TOA-Verfahren unterstrich jetzt Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) und kündigte an, dass Schleswig-Holstein wesentliche Teile der bisherigen Forschungsergebnisse schon bald sowohl im Jugend- wie auch im Erwachsenenvollzug übernehmen werde. Ein entsprechendes Jugendarrestvollzugsgesetz befindet sich bereits in der parlamentarischen Beratung, das neue Erwachsenenstrafvollzugsgesetz soll Ende des Jahres vom Kabinett verabschiedet und Anfang kommenden Jahres vom Parlament beraten werden. So erhalten Opfer und Täter per Gesetz die Möglichkeit, auch nach einem Gerichtsverfahren im Rahmen eines TOA’s in Kontakt zueinander zu treten. Die Teilnahme ist freiwillig, Täter wie auch Opfer sollen von Mediatoren auf ihre Begegnungen vorbereitet und dabei begleitet werden. Das Land, so Spoorendonk, baue damit seine Vorreiterrolle weiter aus bei der Anwendung moderner Ausgleichsverfahren. Während alle anderen Bundesländer rückläufige oder stagnierende Fallzahlen beim bisherigen TOA zu vermelden haben, verzeichnet Schleswig-Holstein schon jetzt eine deutliche Steigerung, im Jugendbereich zuletzt sogar mehr als eine Verdoppelung von gut 300 auf fast 700 Fallzahlen pro Jahr. Künftig wird Schleswig-Holstein zudem neben Baden-Württemberg und Bremen das einzige Bundesland sein, das den erweiterten TOA auch nach einem Gerichtsverfahren fördert.

Gegenüber Schleswig-Holstein am Sonntag unterstrich Spoorendonk die Erwartung, mit dem TOA die Rückfälligkeit von Straftätern deutlich senken zu können. Unterstützung erhält die Justizministerin dabei von der Schleswiger Generalstaatsanwaltschaft. Deren Chef Wolfgang Müller-Gabriel sprach gegenüber unserer Zeitung von einem „Idealmodell, um drei Interessen miteinander zu verbinden – die von Gesellschaft, Opfer und Täter.“

Der junge Gewalttäter aus der JVA Kiel hat bislang noch keines seiner Opfer wiedergetroffen. Angst habe er davor, sagt er, „ich weiß ja inzwischen, was ich denen angetan habe.“ Demnächst will er einigen als ersten Schritt einen Brief schreiben und um Entschuldigung bitten, „auch um meinen eigenen Seelenfrieden zu finden.“

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erstellt am 21.Sep.2014 | 15:51 Uhr

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