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Kiel

09. Dezember 2016 | 04:57 Uhr

Gefesselt vom Stuhl gestürzt : Angeklagter im Sado-Maso-Prozess: Ehrlicher Mensch oder Lügner?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Sado-Maso-Prozess vor dem Kieler Landgericht wurden Zeugen zur Persönlichkeit des Angeklagten befragt. Dabei stellte sich heraus: Auch seine ehemalige Lebensgefährtin litt unter seinen offenbar sadistischen Neigungen.

Kiel | Welche Persönlichkeit besitzt der Angeklagte im sogenannten Sado-Maso-Prozess? Dieser Frage widmete sich gestern der zweite Prozesstag. Weil der Angeklagte weiterhin konsequent schweigt, hatte das Landgericht in der Berufungsverhandlung etliche Zeugen geladen. Während ihn eine langjährige Freundin als „ehrlichen Menschen“ beschrieb, kam seine frühere langjährige Lebensgefährtin zu einem anderen Urteil. „Er hat mich mal gewürgt, bis ich ohnmächtig wurde“, sagte sie.

Dem Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft Nötigung und Körperverletzung vor, sie macht ihn verantwortlich für den schweren Sturz seiner früheren Geliebten. Er soll beim Sex-Spiel das „Stopp“-Signal der 37-Jährigen missachtet haben. Als Folge schwerer Schläge aufs nackte Hinterteil soll die mehrfach gefesselte, nahezu bewegungsunfähige Frau mitsamt Stuhl nach vorne gefallen sein. Ungefedert schlug sie auf dem Terrakotta-Boden auf, verlor zwei Zähne, zog sich Platzwunden und ein Schädel-Hirn-Trauma zu.

Seiner Lebensgefährtin hatte der Angeklagte die Sado-Maso-Affäre mit der 37-Jährigen verschwiegen, er hatte sich zu Hause immer zur Jagd abgemeldet. Seine Ex-Freundin wunderte sich nur: „Er wurde immer dicker. Kein Wunder, er hat ja wohl auch bei ihr gut gegessen.“

Den Ausschlag für die Trennung gab schließlich ein Versicherungsdokument, auf dem der Angeklagte ihre Unterschrift gefälscht hatte. Über die gemeinsame Haftpflicht wollte er die Kosten begleichen, die bei der Zahnbehandlung seiner Geliebten entstanden waren. Für diesen geplanten Versicherungsbetrug wurde der Angeklagte bereits zu einer Geldstrafe verurteilt.

Auch das jetzige Verfahren könnte teuer werden. Auf 2800 Euro berechnete sich die Strafe aus der ersten Instanz. Damals war der Angeklagte aber noch arbeitslos gemeldet, mittlerweile hat er wieder einen Job im Außendienst. Sollte das Gericht ihn für schuldig befinden, wäre wohl ein deutlich höheres Strafmaß fällig.

Die Verteidigung meldete Zweifel an der Tat-Version der 37-Jährigen an und setzte durch, dass der Richter der Vorinstanz als Zeuge befragt werden soll. Er soll klären helfen, ob die Zehenspitzen der 37-Jährige beim Sex-Spiel den Boden berührten oder die Füße weit oben am Stuhlbein gefesselt waren.

Diese vermeintliche Lappalie könnte wichtig sein. Denn nach Einschätzung der Gutachterin, einer Rechtsmedizinerin, könnten schmerzbedingte Körperzuckungen die Kippbewegung des Stuhls in Gang gesetzt haben – sofern die Zehen Bodenkontakt hatten.

Das von der Verteidigung geforderte physikalische Gutachten lehnte der Richter allerdings ab: „Der Vorfall ist nicht rekonstruierbar.“ Und auch für ein spezielles Glaubwürdigkeitsgutachten über die 37-Jährige sah er keinerlei Anlass. Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 11.Aug.2016 | 18:53 Uhr

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