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Kiel

11. Dezember 2016 | 07:17 Uhr

Altes Wellingdorf : Als noch Fischgeruch in der Luft lag

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die 85-jährige Hobby-Historikerin Marga Scheider hat ihre Erinnerungen an die Kindheit in Wellingdorf zu Papier gebracht. Zu Ostern 1937 wurde sie eingeschult, und 1939 begann die Wellingdorfer Wandlung: Hitler brauchte Platz für die Werften und ihre Arbeiter.

Es gibt nicht mehr viele Menschen ihrer Art. Die 85-jährige Marga Scheider, geborene Thieme, hat deshalb aufgeschrieben, wie das Leben im alten Wellingdorf vor dem Kriege aussah. Als als an der Schönberger Straße noch Kühe weideten, als der Förde-Törn mit den Schiffen der Blauen Linie noch billiger war als die Fahrt mit der Straßenbahn und es im Laden an der Ecke noch losen Senf zu kaufen gab.

Marga Scheider, am 22. November 1930 auf dem Kieler Ostufer geboren, hat ihre „Kindheitserinnerungen“ zu Papier gebracht. Vielleicht wird daraus irgendwann ein kleines Büchlein, vielleicht eine Broschüre zum Stadtteilfest in Wellingdorf. Wichtig ist der betagten Autorin nur eines: Das Erlebte darf nicht in Vergessenheit geraten. Die aufmerksame Beobachterin hat auch festgestellt, dass noch vor zehn oder 20 Jahren viele Zuhörer müde abwinkten, wenn von „früher“ die Rede war. Heute aber sind sie aufmerksam – es leben nur noch wenige Zeitzeugen.

Die kleine Marga wurde zu Ostern 1937 eingeschult. Das Foto zeigt sie mit geflochtenen Zöpfen, weißen Söckchen und der „Berchtesgardener Jacke“, quer darüber die Brottasche. Die Schule wurde 1939 abgerissen, die Nazis brauchten Platz für die Kriegsmarinewerft. Das blieb nicht die einzige Ausquartierung: Während des Krieges wurden im Sommerhalbjahr ganze Schulen wegen der Bombenangriffe mit dem Programm KLV (Kinderlandverschickung) verlegt: nach Rügen, nach Grömitz, sogar nach Österreich.

Sorgfältig beschreibt Marga Scheider die kleine bunte Wellingdorfer Welt. Sie startet ihre Gedankentour an der Schwentinemündung, an der Endstation der Straßenbahnlinie 8 (später Linie 4): „Neben dem Lunapark, hinter dem Stölting’schen Haus, lag schon der Geruch aus der Fischräucherei Drüsedom in der Luft. Die Villa Langmaak stand etwas zurück von der Straße und hatte einen weißen Stakettenzaun vor ihrem schönen Vorgarten. (. . .)

Fleisch kauften wir in dem Geschäft von Max Päßler. Auf dem kleinen Platz zwischen Päßler und der Drogerei Neumann gab es eine Schuhmacherwerkstatt, und Frau Theede verkaufte in ihrer Bude Fische. Daneben gab es eine Zufahrt zum „Städtischen Platz“, früher: Möhlenwisch“. Hier hatten sich die Bootswerft Wilke und weitere Betriebe angesiedelt. Und jetzt sind wir bei dem schönen Kaffeegarten von Jansen. Es gehörten dazu die Bäckerei, ein Krug, eine Kegelbahn und ein Gartenlokal, in dem man wunderbar Kaffee trinken konnte. Im großen Wohnhaus hatten Friseur Weller und Zigarren Röhling ihre Geschäfte.“

Familie Thieme wohnte im dritten Stock eines schönen Gebäudes an der Schönberger Straße – etwa dort, wo heute die Lichtecke Ostufer ihren Sitz hat. „Wir konnten vom Balkon über die Felder bis zu der Bahnstrecke von Hein Schönberg schauen“, erinnert sich Marga Scheider. Das änderte sich allerdings ab 1939. Hitler brauchte nicht nur Platz für die Werften, er brauchte auch Wohnungen für die Arbeiter. „Es wurde dann alles nach Schema F gebaut“, sagt die Hobby-Historikerin, die es nach dem Kriege zunächst nach Lütjenburg und später nach Preetz verschlagen hat. Aber in ihren Gedanken ist sie immer eine Wellingdorferin geblieben. Zu ihrer Beschreibung gehören deshalb auch die Laternen-Anzünder: „Sie gingen jeden Abend mit ihrer Leiter von Laterne zu Laterne und machten Licht.“  

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erstellt am 27.Jul.2016 | 18:23 Uhr

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