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Kiel

08. Dezember 2016 | 01:20 Uhr

Historie : Als Einstein in der Förde segelte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es begann mit dem Gutachten für den Kreiselkompass: Die Freundschaft zu Anschütz führte den berühmten Physiker jahrelang nach Kiel. Fast wäre Einstein sogar dauerhafter Kieler Bürger geworden – doch die antisemitische Stimmung hielt ihn davon ab.

Als Nobelpreisträger (und als Strubbelkopf, der dem Fotografen die Zunge raussteckt) ist Albert Einstein weltberühmt. Eingeweihten ist auch bekannt, dass das Physik-Genie relativ häufig an der Förde zu Gast war und ins Segelboot umstieg. Nur wenige aber kennen die Hintergründe dieser engen Verbindung, die der Historiker Timo Erlenbusch (kl. Foto) gegenwärtig in einer Ausstellung in der Merkur-Galerie der Industrie- und Handelskammer (IHK) vorstellt. Einstein war Gutachter, Freund und Geschäftspartner des Kieler Erfinders Hermann Anschütz – über den Kreiselkompass fanden die Tüftler zusammen.

Diesen Kompass, der die Seefahrt bis heute prägt, hatte Anschütz 1904 entwickelt und ein Jahr später zum Patent angemeldet. Nicht nur die Admiralität des Kaisers riss sich um das neue Gerät, weltweit machte Anschütz gute Geschäfte. Bis das US-Unternehmen Sperry den Kreiselkompass nachbaute und Anschütz 1915 zu einer Patentschutzklage zwang. Dafür aber brauchte der Kieler Unternehmer einen zuverlässigen Gutachter. Er fand ihn im damaligen Berliner Professor Einstein – es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. „Sie lagen von Anfang an auf einer Wellenlinie“, erklärt Erlenbusch.

Bei der ersten Gerichtsverhandlung schickte der Richter den schusseligen Professor zwar noch mit mahnenden Worten nach Hause. Doch später zeigte sich der Physiker bestens präpariert. Er sicherte Anschütz den juristischen Sieg über den Konkurrenten aus Übersee und war fortan bis zum Jahr 1926 regelmäßiger Besucher an der Kieler Förde. Zunächst wohnte Familie Einstein in der Anschütz-Villa an der Bismarckallee, später gab es in der Werkswohnung in Neumühlen – gegenüber der heutigen Schmerzklinik am Heikendorfer Weg – ein eigenes Quartier, das Einstein liebevoll seine „Diogenes-Tonne“ nannte.

„Ich bekomme hier immer den Kopf frei“, soll der Physik-Theoretiker von den Segel-Abenteuern auf der Förde geschwärmt haben. Übrigens legte der Nichtschwimmer nie eine Rettungsweste an: „Wenn ich ersaufe, dann ersaufe ich ehrlich.“ Einstein war später auch an Anschütz’ Weiterentwicklung zum Kreisel-Kugelkompass beteiligt – seine Patentprozente sollen ihm nach Erlenbusch-Recherche mehr Taler eingebracht haben als das Professoren-Honorar in Berlin. Fast wäre Einstein dauerhafter Kieler Bürger geworden. Die Esmarch-Villa an der Förde wollte er übernehmen. Doch die antisemitische Stimmung war bereits stark ausgeprägt. Einstein, ein gebürtiger Jude, war überzeugt, dass er mit dem Kauf die Kieler gegen sich aufbringen würde. Unberechtigt waren seine Befürchtungen wohl nicht.

Die Ausstellung mit historischen Aufnahme und Kompass-Modellen ist im Haus der Wirtschaft (Bergstraße 2) öffentlich zugänglich: montags bis donnnerstags 8 bis 17 Uhr, freitags bis 15.30 Uhr. Denkwürdige Anekdoten über die Tüftler- und Segler-Freunde erzählt Timo Erlenbusch auf seinen Führungen: am Donnerstag, 4. August (10 Uhr), sowie am 25. August um 18.30 Uhr − danach verschwinden Anschütz, Einstein und der Kreiselkompass wieder in der Kiste.  

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erstellt am 29.Jul.2016 | 18:23 Uhr

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