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Kiel

01. Oktober 2016 | 10:41 Uhr

Arbeit im Büro : Als die Schreibmaschine Einzug hielt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die neue Ausstellung im Warleberger Hof beschäftigt sich mit den Veränderungen von „Schreibtechnik und Büroarbeit“ im Laufe eines Jahrhunderts. Wichtigste Beobachtung: Die schöne Sekretärin löste den männlichen Kontor-Schreiber als rechte Hand des Chefs ab.

Stehpulte prägten die Arbeit in den Schreibkontoren der Betriebe. Eine schöne lesbare Schrift war Grundvoraussetzung für die Tätigkeit der fast ausschließlich männlichen Mitarbeiter, sorgfältig führten sie mit sicherer Hand und schöner Feder die Bücher. Doch seit jener Zeit gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hat diese Branche gewaltige Veränderungen durchlaufen. Technischen Umbrüchen folgten gesellschaftliche Neuerungen. Darüber informiert das Kieler Stadtmuseum in seiner Sonderausstellung „Das Büro. Schreibtechnik und Büroarbeit 1900 bis 1980“ im Warleberger Hof. Gestern war Eröffnung. Die Schau liefert überraschende Neuigkeiten aus den Zeiten, als die ersten Schreibmaschinen nach Kiel kamen.

„Wir beabsichtigen, die Beschaffung von Schreibmaschinen für die städtischen Dienststellen einheitlich zu regeln“ lautete am 22. September 1905 der Beschluss des Kieler Magistrats. Für das geplante (1911 dann fertiggestellte) Rathaus sollte mit der Mechanisierung der Schreibarbeit die Neuzeit anbrechen. Die entsprechende Akte ist erhalten geblieben. In ihr befinden sich zahlreiche Prospekte von Herstellern und Anbietern bis in die 20er-Jahre hinein.

Häufig zeigte dieses Werbematerial Abbildungen hübscher junger Damen. Der männliche Schreiber hat ausgedient, der Beruf der Sekretärin beginnt sich durchzusetzen. In die 50er- und 60er-Jahre mit dem autoritären Klima der Nachkriegsgesellschaft fällt der Höhepunkt dieser Entwicklung: Die persönliche Assistentin des Firmenlenkers sollte nicht nur Stenografie (150 Silben in zehn Minuten) und Maschineschreiben (260 Anschläge pro Minute) beherrschen. Sie muss auch Kaffee kochen, Geschäftspartner empfangen, den Terminkalender führen, gut aussehen, verschwiegen, adrett angezogen und dem Chef „stets zu Diensten“ sein, wie es doppeldeutig in einem Leitfaden heißt. Die langbeinige Sekretärin und der Sex – ein Dauerthema.

Die Ausstellung präsentiert eine umfangreiche Sammlung an historischen Schreibmaschinen und Bürogeräten, darunter solch exotisch anmutende Exemplare wie die Zeiger-Schreibmaschine mit Buchstabenwalze oder die „Erika“ mit ihrem dreireihigen Tastenfeld. Der Warleberger Hof kann auch belegen, dass die Schreibmaschine eine Erfindung war, für die es zunächst wenig Bedarf gab. Sie war ein Nischenprodukt in feinmechanischen Werken und Waffenbetrieben, die in Friedenszeiten Kapazitäten frei hatten. Beispiele sind Remington nach dem Bürgerkrieg in den USA, Rheinmetall nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland. Der Bedarf wuchs hierzulande mit der preußischen Verwaltung – die Schreibmaschine wurde zum wichtigsten Werkzeug. Bis sie Jahrzehnte später vom Computer abgelöst wurde – aber das ist eine andere Geschichte.  

Das Begleitprogramm:

> Die Ausstellung läuft bis zum 19. Oktober (sowie 10. November bis 29. Januar) im Warleberger Hof (Dänische Straße 19);
> Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr (ab 15. Oktober: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr);
> Eintritt: 3 Euro, ermäßigt: 1 Euro;
> Öffentliche Führungen finden sonntags um 11.30 Uhr statt;
> Mittwoch, 28. September, 16 Uhr: „Stenografie – was ist das?“, Vortrag mit anschließendem Kurzkursus, Anmeldung: Tel. 0431/901-3425;
> Mittwoch, 12. Oktober, 16 Uhr: „Steno kontra Vergesslichkeit!“, Vortrag, Training und Kurzkursus, ebenfalls mit Anmeldung;
> Sonntag, 4. Dezember, 11.30 Uhr: Kuratorenführung zur „Reform der Bürowelt um 1900“ mit Dr. Sandra Scherreiks, Volkskundlerin, Eintritt: 3 Euro zuzüglich
1 Euro Führungsgebühr;
> Donnerstag, 8. Dezember, 19.30 Uhr:
„Die Kunst des Weglassens – aus der Praxis eines Parlamentsstenografen“, Vortrag mit Thomas Wagner;
> Mittwoch, 14. Dezember, 15 Uhr: „Verkehrsschrift, Eilschrift, Redeschrift“, Vortrag mit Anke Timme;
> Mittwoch, 11. Januar, 19 Uhr: „Der Schlag ins Kontor – Die Erfindung der Schreibmaschine“, vergnügliche, historische Film-Raritäten rund um die Büro-Arbeit präsentiert von Gerald Grote, Eintritt: 5 Euro, Anmeldung: Tel. 0431/901-3425;
> Mittwoch, 18. Januar, 15 Uhr; „Stenografie heute - kein alter Zopf der Vergangenheit“, Vortrag mit Kurzkursus, Anmeldungen unter Tel. 0431/901-3425;
> Donnerstag, 19. Januar, 18 Uhr: „Mademoiselle Populaire“ (Film aus Frankreich, 2012), in Kooperation mit dem Studio-Kino. In der romantischen Komödie will Romain Duris seine Sekretärin Déborah François zur schnellsten Frau der Welt machen. Eintritt: 7 Euro, Studio-Filmtheater am Dreiecksplatz, die Eintrittskarte berechtigt zum kostenlosen Besuch der Ausstellung im Warleberger Hof.

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erstellt am 18.Sep.2016 | 17:56 Uhr

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