zur Navigation springen

Fliesenhandel in Hamburg : Zwischen Kunst und Gewerbe: Die Schitteks und ihre alten Fliesen

vom

Die Gebrüder Schittek verkaufen nicht nur alte Fliesen. Sie zeigen, wie sich Badkultur entwickelt hat.

Hamburg | Fußball-Legende Uwe Seeler war schon da, auch TV-Köchin Sarah Wiener hinterließ einen Auftrag: Beim Fliesenhandel Schittek am Hamburger Stadtrand ist immer viel los. So sucht das Ehepaar Sommer aus dem 50 Kilometer entfernten niedersächsischen Scheeßel nach Ersatz für ein paar weiße Fliesen mit Riss - für das ein Vierteljahrhundert alte heimische Bad. „Dass das hier so groß ist“, staunen die Eheleute über den Betrieb.

In der Tat überrascht das Geschäfts- und Lagerhaus im Gewerbegebiet schon beim Betreten. In einer Vitrine ist ausgestellt, was hier zu haben ist: nämlich nur alte Fliesen. Im Schaukasten die Schmuckstücke von anno dazumal bis zur Gegenwart, dazu typische Handwerkszeuge der Fliesenmacher und -leger. Während die Sommers den auf alt getrimmten Verkaufstresen bewundern und der Kachelofen im Entree noch wohlige Wärme verströmt, ist aus dem Hintergrund ein stetes „Klack, Klack, Klack, Klack“ zu hören.

Es kommt von jenseits der Verkaufstheke, wo das Herzstück der Firma liegt. Wie in einem Musik-Laden die CDs ist hier auf Stelltischen die Fliesenbibliothek ausgebreitet. Von 50.000 Fliesen gibt es je ein Muster, wie Felix Schittek berichtet. Das Ordnungssystem hat er durchstrukturiert. „Weiss Matt Schillernd“ heißt es auf einer Karteikarte oder „Grau Matt Streifen“, alles nach Farben, Eigenschaften und Formaten sortiert.

Schließlich sollen die Mitarbeiter das Objekt der Kunden-Begierde schnell finden. „Das ist ja für den Kunden das Schönste, wenn er die Originalfliese bekommt. Und das ist auch unser Anspruch“, sagt der 35-Jährige und blättert durch die Muster. „Klack, klack, klack“ schlagen die Tonplatten wieder aneinander.

Mit seinem Bruder Jan (34) führt Felix Schittek seit drei Jahren die Schittek GmbH im Hamburger Stadtteil Sinstorf südlich der Elbe. Vater Konrad (70) hatte das Geschäft 1978 mehr aus der Not heraus gegründet: „Ich war Kunstmaler, auf Leinwand und Papier. Aber es war damals schwer, damit Geld zu verdienen. Bevor die Kinder kamen, sagten meine Eltern: Versuch's doch mal mit Fliesen. Da gibt es wenig Konkurrenz.“

Konrad Schittek arbeitete sich in die Kunst der Fliesenmalerei und -brennerei ein, die handgefertigte Produktion lief an. „Der Pinsel hat geraucht“, erinnert er sich. Fliesenbilder mit Hamburger Motiven entstanden. Schwung kam ins Geschäft, als ein Herr von einer Scherbe drei reproduzierte Fliesen wollte. Da er von einer Versicherung war, entwickelte sich hieraus ein bis heute verlässlicher Kundenstamm.

„Wir sind für Versicherungen oft die letzte Adresse“, sagt Jan Schittek. „Wenn für Sanierungsarbeiten nach einem Wasserrohrbruch Ersatzfliesen benötigt werden und es die bei uns gibt, spart die Versicherung die Kosten für ein neues Bad.“ Landauf, landab haben die Schitteks in Deutschland Restbestände aufgekauft, zum Beispiel bei Betriebsschließungen.

Jüngst waren sie sogar in Dänemark. „Da bin ich immer gefragt, da sind die Schwingungen besser, wenn zwei Alte verhandeln“, sagt Konrad Schittek schmunzelnd. Rund drei Millionen Euro Jahresumsatz bringen die alten Fliesen den Schitteks ein. „Schittek ist einmalig in Deutschland“, sagt Wilm Kittelmann vom Bundesverband des Deutschen Fliesenfachhandels zum Ersatzteillager der Familie. Es gebe noch etwa zwei Handvoll weitere derartige Betriebe, jedoch weitaus kleinere Anbieter für solch kleinteilige Restposten.

Ein Mitarbeiter von Fliesenhandel Schittek arbeitet am 21.03.2017 in einem Lagerraum des Unternehmens in Hamburg mit einem Gabelstapler zwischen den Hochregalen mit alten Fliesenpaketen.
Ein Mitarbeiter von Fliesenhandel Schittek arbeitet in einem Lagerraum des Unternehmens in Hamburg mit einem Gabelstapler zwischen den Hochregalen mit alten Fliesenpaketen. Foto: dpa
 

Etwa 35.000 bis 40.000 Suchanfragen kamen 2016 bei den Schitteks rein. „Wir haben rund 22.000 Pakete verschickt“, sagt Felix Schittek. „Und etwa 30 Kunden täglich holen ihre Lieblingsstücke persönlich ab.“ Wie die Sommers. Pro Quadratmeter Ersatzfliese werden rund 250 Euro berechnet, aber die meisten kauften ohnehin nur wenige Stücke für kleine Reparaturen, berichten die Brüder. „Für Sammlerstücke aus der Jugendstil-Epoche geben sie allein pro Stück so viel oder sogar mehr dafür aus“, sagt Jan Schittek.

Von den Erlösen müssen die Schitteks 17 Mitarbeiter entlohnen und das mit 7000 Paletten nahezu ausgefüllte Lager unterhalten. „Jedes Jahr wird das eben mehr, bis zu 700 Paletten“, sagt Felix Schittek.

Schließlich werden aktuell angesagte Fliesen in Holzdielen-Optik schon eingelagert, für die es womöglich in zehn Jahren Ersatzbedarf gibt. „Wir müssen anbauen“, sind sich die Brüder einig. Auf ein Grundstück hinter ihrer zweiten Halle sind sie erpicht. Mit einer Investition von rund einer Millionen Euro für den Anbau rechnen sie.

Neben dem Betrieb pflegt die Familie im 1. Stock des Verwaltungstrakts ihr Schmuckstück: das Museum. Die Keramik-Toilette mit Wasserspülung, der Gasbadeofen aus Kupfer und das Waschbecken mit Spuckbecken und Zigarrenablage zeugen von den Anfängen deutscher Badkultur.

Ein originalgetreues Bad (um 1900) mit einer Keramik-Badewann ist am 21.03.2017 im Fliesenmuseum von Fliesenhandel Schittek in Hamburg zu sehen.
Ein originalgetreues Bad (um 1900) mit einer Keramik-Badewann ist im Fliesenmuseum von Fliesenhandel Schittek in Hamburg zu sehen. Foto: dpa
 

Graue Fliesen mit rosa Badewanne zieren das 50er-Jahre-Ensemble. Daneben das 70er-Jahre-Grün. „Paradiesblau 946 - die Fliese hat bei uns jeder Mitarbeiter im Kopf“, sagt Jan Schittek.

In der in Blau gehaltenen Friesenstube zieht ein Kachelherd den Blick auf sich. Eine hierfür typische Schmuckleiste hat Vater Schittek nach eigenem Bekunden auch für Sarah Wiener angefertigt: „Schmeckt es Dir, macht's Freude mir.“ In seiner Werkstatt ist der Seniorchef noch heute anzutreffen, eine Mitarbeiterin hat er aber schon in sein Handwerk eingeführt. „Wir wollen ihn auch nicht raushaben“, sagen seine Söhne. „Aber wir haben jetzt die Verantwortung - und das ist auch gut so.“

zur Startseite

von
erstellt am 11.Apr.2017 | 11:01 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen