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Hamburg

03. Dezember 2016 | 01:22 Uhr

Hamburg : Zungenbiss-Prozess: HNO-Arzt zu 13.000 Euro Geldstrafe verurteilt

vom

Der Mediziner muss sich wegen des Vorwurfs fahrlässiger Tötung verantworten, weil er einen Luftröhrenschnitt versäumte.

Hamburg | 13.000 Euro Geldstrafe für den Arzt, der Schuld ist am Tod von Jonte T. (23): Das Amtsgericht Altona hat den HNO-Mediziner Seo-Rin K. (40) wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Der junge Mann war Anfang 2010 im Krankenhaus Altona nach einem Zungenbiss erstickt. Der diensthabende Bereitschaftsarzt K. hätte, so ein Gutachter im Prozess, spätestens nach einem ersten Erstickungsanfall einen lebensrettenden Luftröhrenschnitt setzen müssen. Der Angeklagte hatte ausgesagt, die Lage des Patienten sei nach seiner damaligen Einschätzung stabil gewesen: „Ich dachte, wir kriegen die Kurve.“

Seit Montag musste sich der HNO-Arzt vor dem Amtsgericht Altona wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung verantworten. K. habe es versäumt, so die Staatsanwältin, eine lebensrettende Atemwegssicherung vorzunehmen.

Die schicksalhaften Ereignisse nahmen ihren Ausgang in der Neujahrsnacht 2010, in der Jonte T. mit Freunden auf dem Kiez feierte und sich beim Tanzen auf die Zunge biss. Diese schwoll am nächsten Tag bedenklich an. Seine Eltern erkannten den Ernst der Lage und brachten ihn ins Krankenhaus; der Vater ist Arzt, die Mutter Krankenschwester. In der Notaufnahme des AK Altona nahm sich der diensthabende Bereitschaftsarzt K. des 23-Jährigen an. Der Assistenzarzt im zweiten Jahr spritzte Cortison, veranlasste eine Endoskopie und ein CT und verlegte T. schließlich auf die Intensivstation.

Einen Luftröhrenschnitt jedoch, der das Atmen über einen Schlauch erleichtert hätte, hielt der Mediziner für unnötig. „Vielleicht habe ich mich zu sicher gefühlt“, räumt er vor Gericht leise ein. Ein erfahrener Narkose-Oberarzt habe ihm seinerzeit von dem Eingriff abgeraten. Bei dieser Einschätzung blieb es auch, als Jonte T. im Laufe der Nacht akute Atemnot bekam und einen Schleimpfropfen auswürgte. „Danach war die Lage aber wieder stabil“ , berichtete der Angeklagte. Er verzichtete auch darauf, den HNO-Oberarzt zu Hause zu verständigen.

Gegen Morgen verschlimmerte sich die Lage des 23-Jährigen dramatisch. Er lief blau an und starb trotz eines hektisch doch noch vollzogenen Schnitts in die Luftröhre. Der 40-jährige hat inzwischen seinen Weg als Mediziner gemacht, arbeitet jetzt als HNO-Facharzt an der Berliner Charité. An seiner Seite im Prozess hat K. mit Gerhard Strate einen der bekanntesten Strafverteidiger in Deutschland. Jontes Eltern verfolgen die Verhandlung als Nebenkläger im Saal. Als der Arzt die Einzelheiten des Todeskampfes schildert, bricht die Mutter in Tränen aus. Vor dem Prozess hatte das Paar mit Blick auf den Angeklagten gesagt: „Wir erwarten keine Entschuldigung. Aber er soll endlich Stellung beziehen.“

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erstellt am 07.Nov.2016 | 19:09 Uhr

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