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Hamburg

05. Dezember 2016 | 15:38 Uhr

Nachruf : Zum Tode von Henning Voscherau: Der Prototyp eines hanseatischen Bürgermeisters

vom
Aus der Onlineredaktion

Henning Voscherau galt als großer Hanseat und prägte das politische Leben Hamburgs. Ein Nachruf.

Hamburg | Es war dieser eine Satz beim Abgang von der politischen Bühne, der Henning Voscherau lange nachhängen sollte. „Meiner Heimatstadt Hamburg wünsche ich Glück, sie wird es brauchen“, verkündete der damalige Erste Bürgermeister 1997 am Wahlabend vor laufenden Kameras seinen Rücktritt.

Hamburg könne die Nach-Voscherau-Zeit also nur mit Glück überstehen, so kam es rüber; als Arroganz eines störrischen Wahlverlierers, der sich nicht mit den Grünen einlassen wollte. Es brauchte lange, bis die Hanse-SPD ihrem einstigen Frontmann verzieh. Inzwischen sind sie alle voll des Lobes für den ehemaligen Senatschef, der das heutige Hamburg tief geprägt hat. Am Dienstag, zehn Tage nach seinem 75. Geburtstag, ist Henning Voscherau an den Folgen eines Hirntumors gestorben. Er hinterlässt seine Frau Annerose und drei Kinder.

„Er ist der Vater der Hafencity“

Tatsächlich zeugte die Art, wie sich der Politiker mit 56 Jahren zurückzog, mehr von Geradlinigkeit denn von Hochmut. Der konservative Sozialdemokrat wollte und konnte sich ein Regieren mit den aufmüpfigen Grün-Alternativen nicht vorstellen – ganz wie sein Vorbild Helmut Schmidt. Und irgendwie, so räumen Hanse-Genossen heute ein, hatte der Henning mit der finsteren Prognose sogar Recht. Ortwin Runde übernahm, paktierte mit den Alternativen – und verspielte 2001 die rote Senatsherrschaft nach 44 Jahren.

Im Rückblick gilt die knapp zehnjährige Ära Voscherau auch neutralen Beobachtern als eine der besseren in der Hamburger Nachkriegsgeschichte. Nicht wenige sehen den Verstorbenen als „großen Bürgermeister“. Anders als seinem Vorgänger Klaus von Dohnanyi gelang dem gewieften Taktiker Ende der 1980er Jahre die Befriedung der Auseinandersetzungen um die Hafenstraßen-Häuser. Voscherau schuf auch die Basis für das wichtigste Stadtentwicklungsprojekt seit Kriegsende.

„Er ist der Vater der Hafencity“, konstatiert der jetzige Bürgermeister Olaf Scholz. Er würdigte Voscherau als „ernsthaften Stadtmanager, sorgenden Landesvater, Wertkonservativen und Sozialdemokraten, charmanten Gastgeber und ideenreichen, geschliffen formulierenden Intellektuellen“.

Ein weltläufiger Plattschnacker mit Prinz-Heinrich-Mütze

Auf der Habenseite stehen zudem die Airbusansiedlung, die Erweiterung des Hamburger Flughafens nach dem Aus für den Großairport Kaltenkirchen sowie die Elbvertiefung 1999/2000. Nicht zufällig umfasst die Aufzählung vor allem wirtschaftspolitische Errungenschaften. Voscherau sah seine Aufgabe vor allem in der Stärkung von Handel, Industrie und Verkehr. Gesellschaftliche Reformvisionen waren ihm suspekt. „Kein spielerischer Umgang mit den Grundfunktionen der Stadt“, lautete seine oft zitierte Mahnung an die Enkel Willy Brandts. Voscherau sah sich als Enkel Helmut Schmidts. 

Das Verhältnis des Hanseaten zu den Regenten in Schleswig-Holstein war konfliktreich. Mit der damaligen Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD, 1993-2005) verband den Bürgermeister eine tiefe persönliche Abneigung. Die mögliche Ablehnung der Elbvertiefung durch den Nachbarn nannte der Nordstaat-Fan eine „Kriegserklärung“. Später räsonierte er über eine Eingemeindung von Speckgürtel-Kommunen nach Hamburg.

Als „geborenen Sozi“ bezeichnete sich Voscherau gern und verwies stolz auf einen Großvater als Hafenarbeiter und seine Eltern, denen die Nazis wegen sozialdemokratischer Gesinnung Arbeitsverbot erteilten. Für viele Bürger war er Prototyp eines hanseatischen Bürgermeisters – äußerlich wie innerlich. Sachlich und doch blitzgescheit, distanziert und doch volksnah, ein weltläufiger Plattschnacker mit Prinz-Heinrich-Mütze.

Treffsicher wie kein Zweiter

Seine Popularität stützte sich auf familiäre Wurzeln. Onkel Walter Scherau war ein stadtbekannter Ohnsorg-Schauspieler. Mit Heidi Kabel war Voscherau eng befreundet, zum 85. des Ohnsorg-Idols sang er im Duett „Ick heff mol en Hamburger Veermaster sehn“. 2010 hielt der begnadete Rhetoriker im Michel eine anrührende Trauerrede auf die Volksschauspielerin, ebenso wie im selben Jahr auf Loki Schmidt.

Zu solchen Anlässen formulierte der Jurist nicht nur gewohnt gestochen scharf, sondern auch emotional treffsicher wie kein Zweiter. Als der verstorbene Helmut Schmidt im vorigen Herbst mit einem Staatsakt im Michel geehrt wurde, fehlte der erkrankte Henning Voscherau bereits als Trauerredner.

Auch mit dem Altkanzler hatte den gebürtigen Hamburger eine lange Freundschaft verbunden. Voscherau gehörte zur illustren „Freitagsgesellschaft“, zu der Ehepaar Schmidt handverlesene Politiker, Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler in ihr Langenhorner Privathaus einlud. Er habe bis zuletzt „ein bisschen“ zu Helmut Schmidt aufgeschaut, gestand Voscherau 2012 in einem Interview.

Rettung nach Stimmzettel-Affäre und dann der Rückzug

Nach seinem politischen Rückzug arbeitete er wieder in seiner eigenen Kanzlei als Notar, blieb auch bundesweit wahrnehmbar. Er schlichtete Tarifkonflikte und übernahm den Vorsitz der Mindestlohn-Kommission der Bundesregierung.

An der Hamburger Landespolitik blieb der Altbürgermeister aktiv interessiert, mischte bisweilen hinter den Kulissen an parteiinternen Entscheidungen mit. 2007 liebäugelte Voscherau sogar mit einem Comeback. Als Hamburgs SPD nach der Stimmzettel-Affäre im Skandalsumpf versank, bot sich er sich als Retter an. Die Genossen winkten ab. Ohne Poltern zog sich Voscherau zurück, er hatte verstanden. Seine Zeit war vorüber.

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erstellt am 24.Aug.2016 | 18:51 Uhr

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