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Hamburg

06. Dezember 2016 | 22:47 Uhr

Hamburg : „Versuchen Sie zu differenzieren“ - Viele Besucher beim Tag der offenen Moschee

vom
Aus der Onlineredaktion

18 Moscheen öffneten am Montag ihre Türen für Besucher. Die Veranstalter wollen auch Vorurteile abbauen.

Hamburg | Lose Kabel hängen von den Decken, die unverputzten kahlen Betonwände und der blanke Estrich auf dem Boden der ehemaligen Kirche laden nicht gerade zum Verweilen ein. Dennoch ist die künftige, noch im Umbau befindliche Moschee des Islamischen Zentrums Al-Nour bis auf den letzten Platz belegt. Bis an die Eingangstür stehen die Besucher, die zum „Tag der offenen Moschee“ in den Hamburger Stadtteil Horn gekommen sind. Bei dem bundesweiten Aktionstag, der 1997 vom Koordinationsrat der Muslime initiiert wurde, öffnen 18 Moscheen in der Hansestadt ihre Türen für Besucher.

Das Publikum in Horn ist genauso vielfältig, wie sich auch die Al-Nour-Gemeinde präsentiert. Neben Muslimen und Anwohnern aus der Nachbarschaft sind auch etliche Evangelen und Katholiken gekommen und lauschen gespannt den Worten des Vorstandsvorsitzenden der Gemeinde, Daniel Abdin. Er selbst erinnert sich noch an die Zeit, als es in Hamburg keine Moscheen gab. „Damals sind wir in die Kirche gegangen und haben gefragt, ob wir dort beten dürfen. Der Pastor hat uns erlaubt, unsere Gebetsteppiche in einer Ecke auszurollen. Heute wollen wir das genauso machen. Anhänger jeder Religion dürfen zu uns zum Beten kommen.“

Wichtig sei, die Gemeinsamkeiten der Religionen in den Fokus zu stellen und den Dialog zu fördern. „Es kann nicht sein, dass wir Muslime in Deutschland in einer Parallelgesellschaft leben. Daher brauchen wir sichtbare, transparente Moscheen“, mahnt Abdin.

„Schön, dass es solche Vielfalt gibt. Schön, dass es in Deutschland Orte wie diese Moschee gibt“, sagt der Islambeauftragte der Nordkirche, Axel Matyba. Besucherin Ingrid Liedtke (80) wohnt schon seit mehr als 60 Jahren in Horn. „Am Anfang hatte ich kein gutes Gefühl, als ich von den Plänen hörte, unsere Kirche zur Moschee umzubauen. Ich hab immer noch ein wenig Bedenken, aber ich bin jetzt zufrieden und werde nach der Eröffnung immer mal wieder hier vorbeischauen.“

Neben Reden und Spezialitäten aus der syrischen Küche gibt es auch eine Einführung in den Islam durch Imam Samir El-Rajab. Dieses Jahr lautet das Motto des Aktionstages „Hidschra - Migration als Herausforderung und Chance“. Hidschra bezeichnet die Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina. In der Al-Nour-Gemeinde, so scheint es, wird nicht nur über muslimische Werte gesprochen - sie werden auch gelebt.

Als vergangenen Winter jeden Tag hunderte Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof strandeten, war für die Gemeinde klar: „Wir gehen nicht nach Hause. Wir haben unsere Türen geöffnet und tagtäglich 400 bis 600 Menschen beherbergt“, sagt Abdil. Die Not der Flüchtlinge war für die sunnitische Gemeinde aber nicht nur Last, sondern auch eine große Bereicherung. „Sie hat uns mit der Diakonie, dem Caritasverband, der evangelischen und der katholischen Gemeinde zusammengebracht.“

Auch in der Imam Ali Moschee, der sogenannten Blauen Moschee an der Hamburger Außenalster, finden sich zur Eröffnung zahlreiche Besucher ein. Die schiitische Gemeinde begrüßt die Interessierten mit Infoständen und Tee, es gibt Luftballons und Zuckerwatte für die Kinder. Überschattet wird der sonnige Montagmorgen von einem pöbelnden Passanten, der zwei junge Muslima beleidigt und ihre Religion mit der Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staates gleichsetzt. „Das passiert leider immer häufiger“, sagt Sprecher Jafar Elsner. „Insbesondere junge Frauen mit Kopftüchern werden beschimpft oder gar bespuckt.“

Umso wichtiger sei für ihn daher die Aufklärung der Bevölkerung. „Versuchen Sie zu differenzieren“, bittet er die Gäste, während er sie durch die imposante blaue Moschee führt. Mit Eloquenz und Wortwitz erklärt er den Besuchern die Unterschiede der verschiedenen Strömungen im Islam, erzählt die Geschichte der Moschee und steht für alle Fragen bereit. Unter der großen Kuppel des Gotteshauses liegt ein runder handgeknüpfter Teppich, der 16 Meter im Durchmesser misst. Über ihm erhellt ein riesiger Kronleuchter aus Kristall den Raum. Die kreisförmige Form steht als Symbol für die Gleichstellung aller Menschen.

Anfang Oktober hat die höchste Trauerphase in der Moschee begonnen, die an die Schlacht um Karbala erinnert, in der 680 viele Menschen ihr Leben verloren. Der iranische Maler Hassn Rouholamin hat für jeden der zehn Trauertage ein Bild gemalt, das in der Moschee ausgestellt wird, und er arbeitet auch vor Ort weiter an seinen Werken.

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erstellt am 03.Okt.2016 | 18:04 Uhr

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