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Hamburg

09. Dezember 2016 | 12:49 Uhr

Hamburger Humortrio : „Studio Braun“ – es geht erstaunlich ernst zu

vom

So um die 20 Jahre sorgt das „Studio Braun“ für eine eigenartige Mischung aus Kunst und Humor. Jetzt kommt eine Rückschau im Buchformat. Was das soll, erklären die Hamburger in Interview.

Hamburg | Vierter Altbau-Stock ohne Fahrstuhl im Hamburger Schanzenviertel. Klavier und Gitarre sowie Tisch mit Laptop im kleinen Wohnraum, an den Wänden Theaterplakate eigener Stücke und ein Regal mit Bänden wie „Gutes Deutsch“ und „Müde Helden“. Privatwohnung des „Studio Braun“-Mitglieds Rocko Schamoni, die dem Humortrio auch als Arbeitsplatz dient. Barfuss hocken Schamoni (50), Heinz Strunk (54) und Jacques Palminger (52) bei Spätsommerhitze vor einer Schale mit letzten Weingummis auf der dunkelroten Eckcouch und erklären: „Mit uns ist es nicht immer nur nett.“

Dann beantworten sie doch recht brav Fragen zum Buch „Drei Farben Braun“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, ab 1. 10. im Handel) - eine Werkschau mit meist unveröffentlichtem Material aus fast 20 Jahren. 

Meine Herren, Ihr Buch amüsiert natürlich. Aber ist so ein Rückblick nicht auch ein Symptom nahenden Alters?
Palminger: „Studio Braun“ schaut nie zurück, dafür haben wir gar keine Zeit. Wir fragen uns immer nur, was wir als Nächstes machen. In dem Fall war es so, dass eine Kuratorin in einem Hamburger Museum mit uns eine große Ausstellung organisieren wollte, was sich aus Geldmangel zerschlug. Wir hatten dafür aber so viel Material zusammengesammelt, dass wir gesagt haben, wir machen ein Buch daraus.Wir haben es dann auch nicht chronologisch gestaltet, das erschien uns zu eng, sondern in freier künstlerischer Ordnung.

Schamoni: Es ist tatsächlich keine reflexive Rückschau, weil wir jetzt über 50 sind und die Hälfte unseres Lebens mit größter Wahrscheinlichkeit rum ist. Tatsächlich hat die Welt ganz viel von dem, was wir veröffentlichen, noch nie gesehen. Selbst Dialoge aus Stücken, die wir abdrucken, sind den meisten nicht bekannt, weil die Aufführungen fast nur in Hamburg gelaufen sind. Unser Herausgeber Gereon Klug hat die ganze Aktion federführend geleitet.

Trotzdem ist so ein Buch ja erst einmal mit Rückblicken auf Werk und Leben verbunden. Was haben Sie dabei empfunden?
Schamoni: Anders als für unsere Theateraufführungen hatten wir bei der Auswahl gar keinen Streit. Mir gefallen zum Beispiel unsere Straßen-Zettel sehr gut, auf denen wir etwa versucht haben, alte Katzen zu verkaufen. Nach 20 Jahren muss ich immer noch vor mich hingrinsen, wenn ich das sehe.

Palminger: Wenn ich in diesem Zusammenhang alte Fotos betrachte, und im Gesicht und im Ausdruck immer noch genau dieselbe Intention finde wie heute - dieselbe Freude an der surrealistischen Verfremdung - dann bin ich doch ziemlich froh. Weil es mir zeigt, dass der Weg bei aller Verschlungenheit ziemlich gradlinig war. Wie toll und dadaistisch-surrealistisch zum Beispiel unsere „Fanta“-Aktion war, bei der wir die Brause für 20 Pfennig in die Gesellschaft verteilt haben, ist mir erst dann richtig bewusst geworden.

Schamoni hat in Interviews erklärt, dass der wahre Anarchismus im Sinne Michail Bakunins ihn antreibe - also die Idee einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Gilt das für Sie alle?
Palminger: Da müsste jeder für sich sprechen, ich würd's für mich nicht ganz so hoch aufhängen. Ich möchte einfach immer wieder mit der Schere alte Rattenschwänze abschneiden.

Ein inhaltliches Motiv dahinter?
Palminger: Also inhaltlich, da würde ich sagen - Liebe.

Schamoni: Fragen Sie, warum man Kunst macht oder fragen Sie nach der politischen Ausrichtung? Die Grundfeder meines künstlerischen Schaffens ist ja nicht Anarchismus. Das ist bloß etwas, was mich beeinflusst - der freiheitliche Gedanke, das Nicht-Anerkennen von vertikalen Strukturen. Auch in der Kunst, bei uns ist keiner der Chef, nur die beste Idee zählt. Das war gerade in der Punk-Bewegung wichtig, aus der Jacques und ich kommen. Und Heinz ist auf seine Art ebenfalls davon beeinflusst.

Strunk: Es gibt einen Satz vom Schauspieler Heinz Reincke, den ich hier wieder zitiere: „Ich habe keine Philosophie, ich habe keine Lebensziele, ich bin im Grunde ein immer ängstlicher Mann.“ Im Künstlerischen finde ich einen Masterplan sogar unsympathisch. Ich probiere einfach alle Sachen, das Moralische oder so dabei geht mir gegen den Strich.

Schamoni: Ich bin der allertiefsten Überzeugung, dass wir drei und alle anderen Künstler, die ich kenne, an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden. Und dass genau das der notwendige Ur-Motor dafür ist, Kunst zu machen. Ich hab' mit 17 gedacht, dass ich ein politischer Künstler sein müsste. Dabei ist der Grund für all das Aufbegehren immer zutiefst biografisch. Allen Behauptungen, die eigene Arbeit sei superpolitisch motiviert, misstraue ich außerordentlich. Übrigens hab' ich mal eine Therapie abgebrochen, weil ich mir diesen kreativen Motor nicht nehmen lassen wollte.

Palminger: Wir sind Fans von Kunst, das ist unsere Inspiration. Fans von den besten Büchern, den besten Filmen - zum Beispiel von Fellini. Man sammelt so viele Eindrücke und generiert dann in der Gruppe etwas mit einem Mehrwert daraus.

Sie haben alle auch Ihre Einzelkarrieren - warum gibt es „Studio Braun“ noch immer und was hält Sie zusammen?
Strunk: Wir kennen uns sehr genau und haben mit den Jahren gelernt, miteinander auszukommen. Ich habe in den 20 Jahren nie daran gedacht, dass ich „Studio Braun“ verlassen möchte. Es ist eine Lebensendpartnerschaft. Es kommen immer viele Möglichkeiten und Ideen weiterzumachen. Jetzt, wo ich schon auf die 60 zugehe, wird es eher mehr als weniger.

Palminger: Jeder Mensch sollte eine Band haben oder im Kollektiv arbeiten, um kritikfähig zu bleiben und offen für Austausch.

Sie sind eine Humorvereinigung - wird bei der Arbeit viel gelacht?
Strunk: Nein. Es geht erstaunlich ernst zu.

Und was bedeutet Humor für Sie?
Palminger: Humor macht das Leben ein bisschen leichter (kichert, Kunstpause). Musik mit negativen Inhalten zum Beispiel macht das Leben und die Welt ein bisschen härter, schlechter auch und weniger lebenswert.

Strunk: Humor ist eine sehr gute Möglichkeit, sich von der eigenen Verbissenheit und der eigenen Schwere zu distanzieren. Eigentlich so etwas wie Notwehr.

Schamoni: Und Humor ist einsetzbar. Und zwar nicht nur für die eigene Befreiung, wenn man die Ritterrüstung mal wieder zu eng angeschnallt hat. Sondern auch wie eine Dynamitwaffe in politischen und sozialen Zusammenhängen - damit sprengt man ein Thema auf und dann ist es frei. 


Über „Studio Braun“

Rocko Schamoni wurde 1966 in Lütjenburg (Schleswig-Holstein) als Tobias Albrecht geboren. Als Musiker dem Post-Punk zugeordnet, ist er auch Autor mehrerer Bücher. Gerade veröffentlichte er seinen SMS-Wechsel mit Christoph Grissemann unter dem Titel „Ich will nicht schuld sein an deinem Niedergang“ (Piper).

Auch Strunk alias Matthias Halfpape, 1962 in Hamburg-Harburg geboren, ist Solo-Musiker und Autor. Erfolgreichstes Buch nach seinem autobiografischen Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ (2004) ist „Der goldene Handschuh“ (2016) über den Frauenmörder Honka.

Jacques Palminger, als Heinrich Ebber 1964 in Borken (Nordrhein-Westfalen) zur Welt gekommen, wirkt ebenfalls als Musiker, so für die Band „Dackelblut“, und als Akteur. Als „Studio Braun“ machten alle drei auch mit Stücken im Deutschen Schauspielhaus Furore und reüssierten 2012 im Film „Fraktus“. 

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erstellt am 22.Sep.2016 | 10:44 Uhr

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