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Hamburg

24. Juli 2016 | 14:48 Uhr

UNESCO mischt sich ein : Streit um Abriss der City-Höfe: Hamburg droht ein Polit-Krimi

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Abriss des denkmalgeschützten Gebäudeensembles naht. Nun meldet die Unesco Bedenken an – und findet viel Unterstützung.

Hamburg | Der umstrittene Abriss der denkmalgeschützten City-Höfe am Hauptbahnhof entwickelt sich zum Polit-Krimi. Vier Wochen vor der Schlussabstimmung in der Bürgerschaft drängt nun auch die Unesco auf den Erhalt der vier schmucklosen Hochhäuser aus den 1950ern.

Die denkmalgeschützten City-Höfe fanden im Bieterverfahren keinen Retter - obwohl der Stadt Konzepte zum Erhalt der Hochhäuser vorlagen. Nun sollen die über 50 Jahre alte Städtearchitektur der Abrissbrine zum Opfer fallen. Die Unesco hat noch Einwände.

Der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos), der die UN-Kulturorganisation berät, fordert vom Hamburer Senat eine Beteiligung am Verfahren - und deutet negative Folgen für den Welterbe-Status des benachbarten Kontorhausviertels an. Der City-Hof befinde sich „in der Pufferzone“ um das Welterbe (Chilehaus und Sprinkenhof), mahnt Icomos-Sprecher Berthold Burckhardt. Die Unesco hatte das Backsteinviertel und die Speicherstadt zu Hamburgs ersten Welterbestätten gekürt.

Die Stadt will die Verwaltungshochhäuser am Klosterwall abreißen und dort von einem Investor einen Komplex mit Wohnungen, Büros, Gastronomie, Hotel und Kita errichten lassen. In einer Ausschreibung hatte das Hamburger Bauunternehmen Aug. Prien den Zuschlag erhalten, das für das Grundstück 35,2 Millionen Euro an die Stadt überweist. Der Abriss ist für 2018 vorgesehen.

Doch: Der Senat hätte die Unesco über eine solch gravierende Maßnahme in der Pufferzone informieren müssen, bemängelt Burckhardt. Die geplante Neubebauung versperre Sichtachsen und Blickbeziehungen auf die Welterbe-Bauten. Dass die Stadt auf Abriss setzt, versteht der Icomos-Sprecher nicht: „Es handelt sich doch um sanierungsfähige Gebäude.“

Im Bieterverfahren waren auch sechs Konzepte für Erhalt und Modernisierung des City-Hofs eingegangen. Darunter eines des Hamburger Stararchitekten Volkwin Marg, das die Stadt aber wegen formaler Fehler zurückwies. Marg hält den Senat für „geschichtsvergessen“. Das Argument, der City-Hof sei ein Schandfleck, lässt er nicht gelten: „Es geht nicht um Schönheit, es geht um ein Zeugnis der Aufbaujahre in den 1950ern.“

Die Hochhäuser ließen sich überdies attraktiver gestalten, etwa durch Wiederherstellung der schneeweißen Fassaden. Auch die Innenräume will Marg nach modernen Anforderungen umgestalten.

Modell von Volkwin Marg: So hätte der Stadtarchitekt die City-Höfe umgestaltet.

Modell von Volkwin Marg: So hätte der Stadtarchitekt die City-Höfe umgestaltet.

Foto: gmp

Wichtigster Abriss-Befürworter ist Oberbaudirektor Jörn Walter, der das Areal als Eingangstor zur City neu gestalten möchte. Den City-Hof sieht er als Hemmschuh dieser Entwicklung - und wundert sich, dass in den vergangenen Jahren niemandem der angebliche große städtebauliche Wert des City-Hofs aufgefallen sei.

Auch SPD-Bürgermeister Olaf Scholz steht weiterhin zur Beseitigung des Denkmals, doch jenseits der Genossen wächst der Widerstand. Der FDP-Abgeordnete Jens P. Meier warnt davor, Hamburg könnte von der Welterbeliste gestrichen werden. In einer Anhörung der Bürgerschaft haben zudem in dieser Woche fast alle geladenen Experten ein neues Bieterverfahren befürwortet. Der Großteil tendierte zum Erhalt der Gebäude. 

Auch beim SPD-Koalitionspartner ist längst nicht jeder froh über das jähe Ende des Hochhaus-Quartetts. Olaf Duge, Stadtentwicklungsexperte der Grünen-Fraktion, betonte dieser Tage auffallend die Bedeutung der Gebäude für das „Gesicht der City“. Nötig sei eine öffentliche Diskussion über die Gestaltung des zentralen Ortes – was einen Abrissstopp und Neubeginn des Verfahrens bedeuten würde.


Kommentar: Senat muss Abriss stoppen

Zugegeben: Der City-Hof am Hauptbahnhof mag keine große Architektur-Kunst sein – aber weg kann er trotzdem nicht. Der Senat sollte die Abrissbirne im letzten Moment stoppen, die vier schmucklosen Hochhäuser erhalten und sanieren. Auf dem Spiel steht nichts weniger als ein seltenes Relikt steingewordener Ideale der Nachkriegs-Ära in Hamburgs City. Was übrigens die Stadt bis vor kurzem genau so gesehen und das Ensemble als bewahrungswürdig unter Denkmalschutz gestellt hat. Der abrupte Sinneswandel ist geeignet, das staatliche Schutzsiegel als solches zu entwerten. Zumal dahinter offenkundig purer Opportunismus steht, lässt sich mit einem Neubau an lukrativer Stelle doch schlicht mehr Geld machen als mit der Modernisierung des Vorhandenen. Dem Senat sollte die Entwicklung der vergangene Monate zu denken geben: Eine immer größere Anzahl namhafter Experten kämpft leidenschaftlich für die Häuser - und hat überzeugende Ideen für eine Sanierung gleich mitgeliefert. 

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erstellt am 03.Mär.2016 | 17:21 Uhr

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