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Hamburg

04. Dezember 2016 | 17:19 Uhr

Obdachlose in Hamburg : Streit der Straßenmagazine: Hinz & Kunzt gegen „Straßen Journal“

vom

Ein neues Straßenmagazin bringt in Hamburg das Magazin Hinz & Kunzt in eine schwierige Situation. Doch was steckt dahinter?

Was genau ist das „Straßen Journal“?

Das Magazin startete im April zunächst unter dem Namen „Straße Journal“. Medienberichten zufolge enthielten die Ausgaben kopierte Artikel unter anderem vom Hamburger Abendblatt oder von Wikipedia, ein Impressum fehlte. So erkannte man beim Abendblatt etwa den Text „Der große Betrug mit den HVV-Jahrestickets“ vom 1. April wieder oder „Stadt sichert sich bei Zuschüssen für Elbphilharmonie ab“ vom 31. März.

Verkauft wird das Magazin hauptsächlich von bulgarischen und rumänischen Verkäufern, die den Verkäufern des Straßenmagazins „Hinz & Kunzt“ in Hamburg, dem Süden Schleswig-Holsteins und offenbar auch in Niedersachsen Konkurrenz machen.

Das „Straßen Journal“ kostet 1,95 Euro, wovon ein Euro offenbar beim Verkäufer bleibt. Das Magazin ist als Verein eingetragen und hat seinen Sitz im Schiffbeker Weg 60 a, die Redaktion sitzt aber in Rotterdam in den Niederlanden. Die Auflage liegt nach Angaben des Vereinschefs Martin Sjirkov bei 8000 Exemplaren.

Warum wehrt sich Hinz & Kunzt gegen Konkurrenz?

Das Vorzeigeprojekt für Obdachlose in Hamburg gerät unter Druck. In einer Pressekonferenz am Montag äußerte sich Hinz & Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller zu Anschuldigungen und der brenzligen Marktsituation.

Die Chefredakteurin befürchtet, dass durch das neue Magazin das renommierte Hinz & Kunzt seinen Ruf verlieren könnte. Die schlechte Qualität des „Straßen Journals“ könnte sich negativ auch auf andere Straßenmagazine auswirken. Käufer hätten irritiert nachgefragt, weil sie nicht wussten, wie sie „Straßen Journal“ einschätzen sollten. Auch sollen Verkäufer das Titelblatt von Hinz & Kunzt über das neue Magazin gelegt haben.

Bei Straßenmagazinen gebe es einen Gebietsschutz. Die Verkäufer sollen sich gegenseitig nicht Konkurrenz machen. 1995 entstand darüber ein freiwilliges Abkommen. „Diese Verpflichtung gilt noch heute als Ehrenkodex unter den derzeit 27 deutschsprachigen Straßenmagazinen, die Mitglied im weltweiten Netzwerk INSP (International Network of Street Papers) sind“, heißt es in einem Artikel des Hempels-Magazins aus Kiel.

Die Macher von Hinz & Kunzt vermuteten nach eigenen Angaben zunächst, dass die Macher des „Straßen Journals“ diese Regeln nicht kannten. Doch der Macher tauchte nach Recherchen als Kopf hinter dem ähnlich funktionierenden „Straat Journaal Benelux“ in den Niederlanden auf, das ähnlich funktioniert und dem bestehenden „Straatjournaal“ aus Haarlem Konkurrenz macht.

Das Kieler Straßenmagazin „Hempels“ bezeichnet das neue Magazin als „dubios“. Es bestehe die Gefahr, „dass insgesamt die Qualität von Straßenzeitungen in Verruf gerate.“ Hempels-Geschäftsführer Reinhard Böttner sagt: „Es darf auf keinen Fall dazu kommen, dass unsere Straßenverkäufer verdrängt werden oder dass unsere Projekte Schaden nehmen.“

Warum hat Hinz & Kunzt mehrere Rumänen als Verkäufer abgelehnt?

Martin Sjirkov vom „Straßen Journal“  kritisierte, dass mehrere bulgarische und rumänische Verkäufer bei Hinz & Kunzt abgelehnt wurden. Chefredakteurin Birgit Müller erklärt das damit, dass man sich ihnen öffnen möchte, das aber nicht so schnell gehe. „Viele Obdachlose sind Rumänen und Bulgaren, darunter viele Wanderarbeiter, die unter schlimmen Bedingungen leben“, sagt Müller. „Die stehen mit dem Rücken an der Wand.“ Man habe zuerst 20, mittlerweile 75 rumänische Verkäufer aufgenommen. Allerdings habe man etwa 100 abgelehnt, um die anderen nicht zu benachteiligen.

Warum wird Hinz & Kunzt kritisiert?

Sven Wolter-Rousseux, der für das Magazin „Hansetipp“ zu dem Thema recherchierte, vermutet, dass wirtschaftliche Interessen hinter dem Konflikt stecken. Denn Straßenmagazine seien ein lukratives Geschäft. Martin Sjirkov, der das neue Magazin verantwortet, sieht er als „Geschäftsmann, der im Straßenmagazinbereich eine Marktlücke gefunden“ hat.

Wolter-Rousseux wirft beiden Konkurrenten vor, die Verkäufer zu wenig am Gewinn zu beteiligen. Vor allem, dass die Straßenverkäufer von Hinz & Kunzt die Hefte, die sie verkaufen wollen, zunächst ohne Rücknahmegarantie selbst erwerben müssen, sieht er kritisch. „Kann denn ein Verkäufer nicht mehr als 50 Cent pro Stunde verdienen?“

Er kritisiert in einem Artikel für „Hansetipp“ der auch - allerdings mit Genehmigung - im „Straßen Journal“ erschien, dass Hinz & Kunzt 1,7 Millionen Euro Rücklagen gebildet habe. Chefredakteurin Birgit Müller hält dagegen: „Es wäre verantwortungslos, wenn wir keine hätten.“ Die Bilanz werde am Ende des Jahres gemacht, also nach dem starken Weihnachtsgeschäft. Im Sommer würden die Rücklagen gebraucht. Außerdem stehen sie auch für Bürgschaften bereit - denn Hinz & Kunzt bietet nicht nur ein Zubrot sondern auch 13 Wohnungen, in denen 34 Menschen leben. Der Löwenanteil der Rücklagen soll in einen geplanten Hausbau fließen, wo der Sitz des Magazins unten und Wohnungen für Verkäufer darüber liegen sollen.

Generell lobt Sven Wolter-Rousseux aber die Ausrichtung von Hinz & Kunzt als „Sprachrohr für Arme und Ärmste“. Die Qualität des „Straßen Journals“ bezeichnet er als „schrecklich“.

Wie funktioniert das Geschäftsmodell Straßenmagazin?

Ein Straßenmagazin finanziert sich aus den Verkaufserlösen, außerdem aus Spenden und dem Anzeigenverkauf.

Geht der Streit zulasten der Verkäufer?

Zum einen sorgt die Situation für eine Verunsicherung - und auch offenbar für Konfliktsituationen auf der Straße. Beim Verkauf von Straßenmagazinen sollen sich Verläufer nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Laut Hinz & Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller seien Verkäufer vom „Straßen Journal“ aggressiv vorgegangen. „Die Leute fühlten sich bedroht“, sagt sie. Einige ihrer „Kunztler“ wollten nicht mehr weiter verkaufen.

 
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erstellt am 18.Jul.2016 | 16:26 Uhr

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