zur Navigation springen

Hamburg

10. Dezember 2016 | 21:40 Uhr

Hamburger Landgericht : Sohn vor U-Bahn gestoßen – Mutter muss in die Psychiatrie

vom

An einem U-Bahnhof stößt eine Mutter ihren Sohn vor einen Zug. Die Strafkammer ist überzeugt, dass sie nicht schuldfähig ist.

Hamburg | Das Hamburger Landgericht hat eine Mutter, die ihren Sohn vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen hat, auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie eingewiesen. Die Tat sei schockierend, sagte die Vorsitzende Richterin Ulrike Taeubner am Montag in der Urteilsbegründung. Die Strafkammer sei jedoch überzeugt, dass die Angeklagte wegen einer krankhaften Störung nicht schuldfähig sei. Sie habe Stimmen gehört, die ihr die Tat befahlen.

Die 32-Jährige hatte am 18. Oktober vergangenen Jahres ihren damals elfjährigen Sohn an der Station Hoheluftbrücke vor einen Zug gestoßen. Die U-Bahn überrollte den Jungen und verletzte ihn lebensgefährlich. Er erlitt zwei Beckenbrüche und verlor den linken Unterschenkel. Das Gericht verurteilte die Mutter wegen versuchten Totschlags sowie schwerer und gefährlicher Körperverletzung. „Die Tat bleibt unfassbar, weil es keinen rational nachvollziehbaren Grund gibt“, stellte die Richterin fest.

Die Kammer sei überzeugt, dass die Angeklagte ihren Sohn liebe. Sie leide an einer chronischen Schizophrenie mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Die Stimmen, die sie seit ihrer Jugend höre, hätten ihr oft gesagt: „Du schaffst das!“, „Du bist eine starke Frau!“, „Du siehst gut aus!“. Manchmal hätten sie der Angeklagten aber auch befohlen: „Spring aus dem Fenster!“, „Schwimm durch den Bach!“ oder „Schneid dir in den Finger!“

Noch am Morgen des Tattages habe sie die Polizei gerufen, weil sie Stimmen aus einem Feuermelder und aus der Lüftung im Badezimmer gehört habe. Gegen die Stimmen später an der U-Bahnstation habe sie sich nicht wehren können. Sie habe keinerlei Motiv gehabt, ihrem Sohn etwas anzutun. „Sie waren zur Tatzeit fremdgesteuert“, sagte Taeubner. Wegen fehlender Einsichtsfähigkeit sei auch nur von versuchtem Totschlag und nicht von versuchtem Mord auszugehen.

Nach Einschätzung eines Gutachters stelle die Angeklagte eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Es seien weitere erhebliche Straftaten zu erwarten. „Ihre Erkrankung ist sehr schwer“, sagte die Richterin an die Angeklagte gewandt. Sie müsse sich unbedingt behandeln lassen. Monate vor der Tat an der U-Bahnstation habe sie die erforderlichen Medikamente „wieder mal“ selbstständig abgesetzt, weil diese als Nebenwirkung eine Gewichtszunahme bewirkten.

Für eine Aussetzung des Unterbringungsbefehls auf Bewährung sei es zu früh, erklärte Taeubner. Es gebe aber sehr positive Umstände: Die Angeklagte setze sich mit ihrer Erkrankung auseinander, sei einsichtig und nehme ihre Medikamente ein. Sie brauche aber ein stabiles Umfeld, da sie ihre Psychose auch schon als angenehm verklärt habe. Die Richterin schloss die Urteilsbegründung mit den Worten: „Alles Gute für Sie!“ Die Angeklagte nahm das Urteil mit äußerlich unbewegter Miene hin. Es ist noch nicht rechtskräftig.

zur Startseite

von
erstellt am 30.Mai.2016 | 15:17 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen