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Hamburg

30. September 2016 | 20:36 Uhr

Hamburg : Schüsse im Rotlichtmilieu: „Spielchen“ der Zeugen verzögern Prozess

vom

Überraschende Wende vorm Hamburger Landgericht: Das Opfer meldet sich per Fax und entlastet den Angeklagten.

Hamburg | Nach fast einjähriger Verhandlung hat der Prozess um einen blutigen Streit im Hamburger Rotlichtmilieu erneut eine überraschende Wendung genommen. Das im März 2015 im Stadtteil Marienthal schwer verletzte Opfer meldete sich beim Hamburger Landgericht per Fax und zog seine belastende Aussage gegen den 35 Jahre alten Angeklagten zurück. Er habe bei seiner polizeilichen Vernehmung unter Psychopharmaka gestanden, die Beamten hätten ihm den Namen des Angeklagte „suggeriert“, erklärte der 30-Jährige aus Mallorca.

In einem weiteren Schreiben, das der Richter am Montag verlas, beteuerte der Mann, auch der Zwillingsbruder des Angeklagten habe nicht auf ihn geschossen. Der Zwillingsbruder erschien anschließend vor Gericht, weigerte sich aber entgegen seiner Ankündigung, auszusagen.

Laut Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte in der Nacht zum 26. März 2015 aus nächster Nähe mehrmals auf den Wagen des 30-Jährigen geschossen haben. Hintergrund der Tat soll ein Streit um eine Prostituierte gewesen sein. Trotz der schweren Verletzungen gelang es dem 30-Jährigen noch, mit dem Auto zur Polizei zu flüchten. Die Anklage lautet auf versuchte räuberische Erpressung, versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung.

Ende August hatte der Zwillingsbruder - ebenfalls per Fax aus Spanien - eine Verurteilung seines Bruders in letzter Minute verhindert. Damals hatte er geschrieben, sein Bruder sei unschuldig, er sei bereit, dies vor Gericht zu bekunden. Nun erklärte er am Montag, er wolle zunächst die Aussage des Opfers abwarten, um sich nicht selbst zu belasten.

„Mal sehen, wie oft dieses Spiel noch gespielt wird“, sagte der Vorsitzende der Strafkammer sarkastisch. Der Rechtsbeistand des Zeugen wies diese Bemerkung zurück. Es sei nicht in Ordnung, wenn der Richter von einem „Spiel“ spreche. Daraufhin wollte Bülter wissen, wie es komme, dass der Zeuge bereits von der Erklärung des Opfers wisse. „Wir haben es erfahren“, sagte der Anwalt des Zwillingsbruders dazu knapp.

Vergeblich konfrontierte der Richter den Zeugen noch mit einem anderen Brief, den eine gemeinsame Bekannte der beiden Zwillingsbrüder und des Opfers aus dem Gefängnis geschrieben hatte.

Darin erklärte sie, der Angeklagte sei unschuldig, sein Zwillingsbruder sollte sich endlich zu der Tat bekennen. Dass das Opfer lüge, sei allen bekannt. Doch auch zu dieser Darstellung wollte der Zwillingsbruder nichts sagen.

Im Gerichtssaal würdigten sich die Brüder - beide mit sportlicher Figur, kurz geschnittenen dunklen Haaren und gestutztem Vollbart - keines Blickes. Der Angeklagte hatte seinen Bruder im Laufe des Prozesses der Tat beschuldigt, dieser hatte dagegen schon bei seinem ersten Auftritt den Angeklagten nicht entlastet, sondern geschwiegen.

Nun muss das Gericht versuchen, zunächst den 30-Jährigen aus Mallorca als Zeugen zu laden. Aber auch das ist nicht ganz einfach, denn in seinem zweiten Fax teilte der Mann mit, er habe seinem Hamburger Anwalt das Mandat entzogen. Falls das Opfer tatsächlich aussagt, müsste das Gericht dann erneut den Zwillingsbruder zur Vernehmung bitten - mit ungewissem Ausgang. Nächster regulärer Verhandlungstermin ist der 4. November.

 

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erstellt am 19.Sep.2016 | 14:15 Uhr

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