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Hamburg

09. Dezember 2016 | 08:55 Uhr

Landgericht Hamburg : Schüsse im Rotlichtmilieu - dreieinhalb Jahre Haft

vom

Zwillingsbrüder stritten mit einem anderen Mann um eine Prostituierte. Wer schoss, ist auch nach dem Urteil unklar.

Hamburg | Wegen eines blutigen Streits im Hamburger Rotlichtmilieu hat das Landgericht einen 35-Jährigen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Angeklagte habe sich der gefährlichen Körperverletzung und der versuchten Nötigung schuldig gemacht, sagte der Vorsitzende der Strafkammer, Joachim Bülter. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Strafe von sieben Jahren und neun Monaten wegen versuchten Totschlags gefordert. Die Verteidigung hatte einen Freispruch beantragt.

Im Streit um eine Prostituierte habe der 35-Jährige zusammen mit seinem Zwillingsbruder einen anderen Mann aus dem Milieu bedroht und durch Schüsse schwer verletzt, erklärte der Vorsitzende Richter. Wer bei dem Zwischenfall in der Nacht zum 26. März 2015 im Stadtteil Marienthal schoss, konnte das Gericht auch in 45 Verhandlungstagen nicht klären. Es sei hochwahrscheinlich der Zwillingsbruder gewesen. Den Angeklagten stufte die Kammer als Mittäter ein. Der Haftbefehl gegen ihn wurde außer Vollzug gesetzt.

Ausgangspunkt des Streits war nach Angaben von Bülter ein Video, das der später angeschossene Mann im Juli 2014 von der Prostituierten machte. Weil der heute 31-Jährige glaubte, sie habe ihn bestohlen, wollte er sie demütigen. Er fuhr mit ihr in einen Wald bei Hamburg, zwang sie, sich nackt auf den Boden zu legen und vor der Kamera eine Art von Geständnis abzulegen. Das Video tauchte später in sozialen Netzwerken auf. Angehörige der Frau aus Schwerin reagierten empört, wie Bülter weiter ausführte. Sie stellten nicht nur Strafanzeige, sondern setzten auch den Angeklagten unter Druck, der eine Zeit lang mit der Frau liiert gewesen war.

Dieser vereinbarte daraufhin zusammen mit seinem Zwillingsbruder ein Treffen mit dem 31-Jährigen an der Reeperbahn. Dort forderten die Brüder ihn auf, das Video zu löschen, und verlangten höchstwahrscheinlich auch einen Geldbetrag als Entschädigung, wie der Richter sagte. Doch der Bedrohte setzte sich zunächst nach Spanien ab.

Einige Wochen später suchten zwei Verwandte der Prostituierten den Angeklagten in einem Tattoostudio auf St. Pauli auf und sagten ihm, sie könnten den 31-Jährigen nicht finden. Darum müsse er, der Angeklagte, Verantwortung für das Video übernehmen, sonst werde er bestraft. „Dann sei er am Arsch“, zitierte Bülter aus einer Erklärung des Angeklagten. Daraufhin verabredeten sich die Zwillingsbrüder, den inzwischen zurückgekehrten 31-Jährigen in Marienthal aufzusuchen.

Als sie dort gegen Mitternacht eintrafen, war dieser gerade in sein Auto gestiegen. Er erkannte die Gefahr und betätigte die Zentralverriegelung. Die Brüder rüttelten an den Autotüren, dann schoss einer von ihnen mehrmals durch die Scheibe auf den Fahrer. Schwer verletzt konnte der 31-Jährige noch den Wagen starten und zum nächsten Polizeikommissariat flüchten. Während er dort zunächst die Namen der Angreifer nannte, verweigerte er später vor Gericht die Aussage.

Als strafverschärfend wertete die Kammer, dass die „milieutypische Auseinandersetzung“ in einem Wohngebiet ausgetragen wurde. „Durch solche Vorkommnisse wird das Sicherheitsgefühl der Allgemeinheit erheblich beeinträchtigt“, betonte Bülter. Auch zwei Vorstrafen des Angeklagten wegen Drogenhandels wirkten sich negativ für ihn aus. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidigerin des Angeklagten, Stefanie Martens, kündigte Revision an. „Ich werde für einen Freispruch kämpfen.“

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erstellt am 30.Nov.2016 | 16:10 Uhr

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