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Hamburg

03. Dezember 2016 | 12:48 Uhr

„Schweigeminute“ : Schauspieler Jonas Nay: „Ich bin enorm heimatverbunden - kein Schnack“

vom

Der Lübecker ist am Montag in einer Verfilmung der Lenz-Novelle „Schweigeminute“ zu sehen. Ein Interview.

Hamburg/Lübeck | Der Plan von Jonas Nay sah so aus: Schulmusik studieren und dann als Lehrer am Gymnasium arbeiten. Student an der Musikhochschule seiner Heimatstadt ist der 26-jährige Lübecker seit sechs Semestern. Doch seit „Homevideo“ (2011) ist er auch einer der gefragtesten jungen Darsteller Deutschlands.

„Schweigeminute“: Darum geht's in dem Film

Es gibt Filme, die allein schon wegen einer einzigen Szene anrührend sind. In der Literaturverfilmung „Schweigeminute“ (Montag, 31. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) nach einer Novelle von Siegfried Lenz ist das so: Die nach einem Segelunfall schwerverletzte Lehrerin Stella Petersen liegt im Krankenhaus. Lehrer und Schüler, darunter ihr heimlicher Liebhaber Christian, versuchen, unbeholfen Worte zu finden, Süßes und Blumen loszuwerden.

Schließlich intoniert eine Schülerin „Scarborough Fair“, jenes durch Simon & Garfunkel berühmt gewordene romantische Volkslied über ein ehemaliges Liebespaar, das wieder zueinanderfinden will - mit dem Refrain „And then she'll be a true love of mine“ („Und dann wird sie meine Liebste sein“). Stella laufen wortlos Tränen übers Gesicht - und Christian weiß nicht, dass er sie zum letzten Mal lebend gesehen hat.

Lange stand die Liebesnovelle über die verbotene Liebe einer Pädagogin zu dem 18-Jährigen Gymnasiasten in den Bestsellerlisten auf Platz zwei - damals nur getoppt von Charlotte Roches „Feuchtgebieten“. Siegfried Lenz (1926-2014) sagte 2008 im dpa-Interview über seine Novelle: „Es ist nicht eine reine Love-Story, es ist auch Pädagogik im Spiel, Pädagogik und Liebe. Die Engländer haben einen schönen Ausdruck hierfür: love and circumstances, die Umstände, unter denen eine Liebe möglich ist.“

Das Team der Drehbuchautoren (André Georgi, Claudia Kratochvil, Thorsten M. Schmidt) hat denn auch die misstrauische, teils feindselige Atmosphäre der 1950er Jahre gegen eine solche verbotene Liebe deutlich stärker herausgearbeitet als das Buch. Im Fokus steht aber die Beziehung zwischen Stella (burschikos-erotisch Julia Koschitz) und Christian (Jonas Nay).

Es ist eine melancholisch-berührende Geschichte, nicht nur, weil sie, kaum angefangen, tragisch endet. Während der Totenfeier für Stella in der Schule erinnert sich Christian, wie ihre Liebe wuchs. Wie beide sich, wie magisch angezogen, näher kamen - schüchtern anfangs beim Strandfest - später dann unter Wasser tauchend einander fest umklammerten und sich am Strand unter den Kiefern liebten.

Wie er für sie mit Regenwasser Kamillentee kochte, in der Schildhütte auf der Vogelinsel, als sie vom Unwetter überrascht wurden. Und wie der Entschluss bei Christian keimte, ein gemeinsames Leben aufzubauen - bis Stella bei dem mit Freunden unternommenen Ostsee-Törn am Ende lebensgefährlich verletzt wird - ein Segelbaum trifft sie bei einem Wendemanöver kurz vor der Hafenmole am Kopf.

Den dramaturgischen Aufbau der literarischen Vorlage haben die Drehbuchschreiber und Regisseur Thorsten M. Schmidt filmgerecht geändert. Im Film ist der spektakuläre Unfall schon kurz nach Beginn zu sehen, in der Novelle wird er erst zum Ende geschildert. Auch manche Dialoge und Szenen sind deutlich härter als im Buch - etwa wenn Christian einmal Stella zu Hilfe eilt und einen Kerl mit der Faust niederstreckt. Die Liebesszenen - bei Lenz nur angedeutet - sind im Film deutlich leidenschaftlicher.

Die besondere Atmosphäre des Films prägt die von der Kamera (Hannes Hubach) betörend schön inszenierte Ostseelandschaft: Meeresrauschen, Möwengeschrei, Dünen, Wälder, der weite Horizont - mal wolkenverhangen, mal sonnengeflutet blau - es ist das typische Lenz-Universum des Nordens. Gedreht wurde auf der von touristischen Bausünden verschonten dänischen Ostsee-Insel Bornholm, um den fiktiven Ort Hirtshafen in Szene zu setzen.

Regisseur Schmidt - er hat bereits „Arnes Nachlass“ von Lenz verfilmt - wollte der „Schweigeminute“ einen modernen Erzählstil geben und die Geschichte trotz des 1950er-Jahre-Ambientes in einer zeitlosen Eleganz erzählen. Das ist ihm gelungen, nicht zuletzt dank der überragenden Hauptdarsteller.

 

„Die Schauspielerei platzte mit einer solchen Wucht in mein Leben, da musste ich erst einmal lernen zu strukturieren und zu organisieren. Das Erwachsenwerden ging plötzlich sehr schnell“, sagt er. Ums Erwachsenwerden und die erste große Liebe geht es auch in Siegfried Lenz' „Schweigeminute“. Über eine Liebe (die erste große) und zwei Herzen (in seiner Brust) sprach Nay im Interview.

Ihre Filmfigur Christian verliebt sich in eine Lehrerin, seine erste große Liebe. Welche Erinnerungen haben Sie daran? 

Die erste große Liebe hatte ich mit 16. Sie hielt zweieinhalb Jahre und hatte ebenfalls mit einem Altersunterschied zu tun: Auch ich war jünger. Bei „Schweigeminute“ fand ich mich in vielem wieder. Diese Überromantisierung der ersten Liebe, diese Naivität - all das kenne ich von mir auch. Man hat ja doch ein wenig ein verzerrtes Bild davon. Und natürlich hätte ich für meine erste Liebe ebenfalls alles getan und Felsen verrückt. Genau das fängt Siegfried Lenz ganz großartig in dieser Novelle ein.

Sie selbst sind Student, aber auch als Schauspieler in Film und TV gefragt. Wie teilen Sie sich das ein?

In den letzten anderthalb Jahren habe ich mir Zeit genommen, erst einmal alles zu verarbeiten. Ich habe drei Semester am Stück studiert, „Schweigeminute“ etwa entstand nur während der Semesterferien. Diese Zeit des Runterkommens habe ich gebraucht. Ich hatte mich bis dahin ja noch nicht einmal richtig als Schauspieler gesehen, sondern eher gedacht, dass alles bestimmt gleich wieder vorbei ist. Jetzt weiß ich, dass ich zwar weiterhin Musiker im Herzen bin, doch da schlägt auch noch ein zweites Herz - für die Schauspielerei. Mal schauen, wie der Weg weitergeht.

Führt der Weg nach Hollywood?

Ob er dahin führt, weiß ich nicht. Er würde aber auf jeden Fall nicht dort enden. Auch wenn internationale Produktionen folgen sollten, ob in Europa oder Hollywood: Ich bin enorm heimatverbunden - und das ist kein Schnack. Ich habe zum Beispiel gerade eine NDR-Produktion mit Lars Jessen in Dithmarschen gedreht und das unheimlich genossen. Drehzeit ist auch Lebenszeit, deswegen waren mir schon immer Projekte wichtig, auf die ich enorm Lust hatte. Davon gibt es in Deutschland ganz viele und ganz tolle. Wir haben großartiges Fernsehen und Kino.

Was war für Sie das Reizvolle an „Schweigeminute“?

Die Novelle ist einzigartig. Durch Siegfried Lenz' Art zu schreiben, erlebt man die Liebesgeschichte rein durch die Subjektivität der Gedanken von Christian. Es ist ein Stoff, der mich total reizte, weil er mit so „wenig“ Handlung auskommt und sich so auf das Zwischenmenschliche und die kleinen Feinheiten konzentriert- eine sehr große Herausforderung an eine Drehbuchadaption. Ich war daher enorm gespannt auf das Skript und dann sehr angetan, weil es einen eigenen, feinen Erzählstil hat. Die Witwe von Siegfried Lenz hat den Film auch schon gesehen und - so wurde es mir erzählt - gesagt, dass es genau der Film gewesen sei, den ihr Mann sich gewünscht hätte. Das hat mich sehr gefreut und sehr bewegt.

Und wo wird man Sie in nächster Zeit sehen - im Hörsaal oder vor der Kamera?

Meine Bachelorarbeit habe ich gerade abgeschlossen, jetzt lege ich ein Urlaubssemester fürs Drehen ein, die Fortsetzung des ZDF-Dreiteilers „Tannbach“ etwa steht an. Und für den Dreh zu „Deutschland 86“ halte ich mir sowieso alles frei. Zeit für eine kleine Tour mit meiner Band im November bleibt aber auch - dann erstmals unter unserem neuen Namen Pudeldame. Uns gibt es schon seit acht Jahren, erst als Band Concerted, dann als Northern Lights. Jetzt wollten wir einen Cut und uns so darstellen, wie wir alle vier eigentlich auch sind: freaky und ziemlich abgefahrene Typen.

Zur Person: Jonas Nay

Jonas Nay wurde 1990 in Lübeck geboren. Schon als Kind stand er vor der Kamera. Bekanntheit und Preise brachte ihm der Film „Homevideo“ ein. Es folgten weitere Hauptrollen, etwa in der Fernsehserie „Deutschland 83“.

 
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erstellt am 27.Okt.2016 | 13:20 Uhr

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