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Hamburg

28. März 2017 | 10:13 Uhr

„Jeder von uns hat eine absolute Macke“ : Rhea Harder-Vennewald - seit zehn Jahren an der „Hafenkante“ im Einsatz

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Schauspielerin spricht im Interview über zehn Jahre „Notruf Hafenkante“, ihre Liebe zur Polizei und skandinavische Krimis.

Hamburg | Eigentlich sei sie ja ein eher rastloser Mensch, immer unter Dampf, ständig unterwegs, sagt Rhea Harder-Vennewald (41) über sich selbst. Zum verabredeten Gespräch in einem Café in Hamburg-Eppendorf sitzt sie schon zehn Minuten vor der Zeit vor ihrem Latte Macchiato und blättert entspannt in einem Magazin. Ihr Zeitfenster sieht 90 Minuten vor, bevor sie wieder als „Familienmami“ gefragt ist, wie sie selbstironisch sagt. Mit ihrer Zeit wird es bald wieder vorbei sein. Dann muss die Mutter von drei Kindern (12, 6 und 3 Jahre) wieder in die Rolle der Polizeiobermeisterin Franzi Jung für die ZDF-Vorabendserie „Notruf Hafenkante“ schlüpfen. Die Dreharbeiten für die zwölfte Staffel beginnen in einigen Tagen. Die gebürtige Berlinerin ist spezialisiert auf Serien. Sechs Jahre war sie unter anderem bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ). Sie spielte lange bei „Berlin, Berlin“ mit und bei „Alles außer Sex“. Als Streifenpolizistin im Hamburger Revier an der Hafenkante ist sie seit der ersten Sendung am 4. Januar 2007 dabei. Ende März, nach Ende der elften Staffel, werden 275 Folgen zu sehen gewesen sein. „Krass“, sagt Rhea Harder, als ihr die stolze Zahl bewusst wird. In wie vielen Episoden davon sie, alias Polizeiobermeisterin Franzi – unterbrochen durch Schwangerschaft und Mutterschutz – zu sehen war? „Müsste ich nachfragen“, lacht sie, „wäre aber mal interessant zu wissen“. Die Antwort ist: 240.

Seit vier Wochen ermitteln die Kollegen vom „Notruf Hafenkante“ im ZDF ohne Polizeiobermeisterin Franzi Jung. Was ist los? Ist Franzi schon wieder schwanger?
Nein, diesmal nicht. Wahrscheinlich wurden grad einige Folgen gezeigt, die letztes Jahr während meiner Sommerpause gedreht wurden. Seitdem ich mein drittes Kind bekommen habe, gibt es glücklicherweise drei Streifenteams in der Serie und wir können immer mal zwischen ihnen tauschen. Alle profitieren davon, zwischendrin mal etwas Luft zu haben. Denn vorher hieß es immer durcharbeiten, ein ganzes Jahr lang.

Schauen Sie nicht hin undwieder mal fern, um zu sehen, welche Episode gerade läuft und ob Sie dabei sind?
Eher selten, weil die Serie für mich zu einer undankbaren Zeit läuft. Da ist bei uns zuhause entweder Abendbrot angesagt oder noch mal mit den Kindern durch die Wohnung toben, also den Abend ausklingen zu lassen. Vor zwei Wochen habe ich aber mal geguckt, und zwar mit meinen Kindern. Die Kleine war total aufgeregt, als sie mich im Vorspann gesehen hatte. Aber mein Mittlerer, Bruno, musste ihr dann verklickern, dass ich gar nicht dabei bin. Das war für sie schwer zu verstehen.

„Notruf Hafenkante“ feierte Anfang Januar zehnjähriges Jubiläum. Ist eine Serie nach so langer Zeit für Sie als Schauspielerin eigentlich mehr Fluch oder Segen?
Ich betrachte das eher als Segen. Man muss sich ja nichts vormachen: Es gibt sehr viele Schauspieler, und es gibt eher weniger, die viel zu tun haben. Und ich gebe gerne zu, ich bin ein Arbeitstier. Ich brauche meine Arbeit, um mich wohlzufühlen. Ich bin niemand, der seine Hände gerne in den Schoß legt. Ich brauche dieses Gefühl, gebraucht zu werden. Und zwar nicht nur von meiner Familie. Das kann auch die Vorgartenarbeit beim Nachbarn sein oder den Hauseingang zu putzen. Und da ist eine Serie einfach toll, weil man immer was zu schaffen hat.

Spüren Sie nach so langer Zeit nicht Druck, mal etwas anderes zu machen, den großen Spielfilm zum Beispiel in einer ganz anderen Rolle, als Mörderin etwa?
Nein, aber ich würde gerne mal in einem Märchen spielen. Da hätte ich wahnsinnig Lust drauf. Und dann lieber die Hexe als die Prinzessin, denn die ist ja immer die Gute, und das ist ein bisschen zu einseitig. Aber so eine Hexe, die total lieb sein kann aber einen ganz anderen Plan im Hinterkopf hat, das würde mich wahnsinnig reizen. Oder ein Pferdefilm. Aber beide Sachen sind relativ schwierig in Deutschland umzusetzen.

Warum, weil beides Kinderfilme sind?
Märchen müssen bei uns immer eher lustig sein, ich würde aber lieber ein schönes, ehrliches Märchen spielen, so wie man sie bei den Gebrüdern Grimm kennt. Und Pferdefilme sind wahnsinnig teuer. Die kann keiner mehr bezahlen. Dabei müsste das gar kein Kinderfilm sein. Denken Sie nur an den „Pferdeflüsterer“. Das war in der Quintessenz nicht einmal eine berauschend tolle Geschichte, aber ein richtig schöner Erwachsenenfilm.

 

Werden Sie auf der Straße erkannt und angesprochen?
Manchmal, das empfinde ich aber eigentlich als Lob, weil man als Fernsehschauspielerin, anders als am Theater, sonst keine unmittelbare Reaktion des Publikums hat. Natürlich bekomme ich Post und freue mich darüber, aber wenn mich jemand auf der Straße anspricht, ist das noch mal etwas anderes. Das freut mich dann wirklich. Auch, als wir kürzlich den Hamburger Polizeistern verliehen bekommen haben für die gute Außendarstellung der Polizeiarbeit im öffentlichen Leben. Darauf bin ich echt stolz. Und als dann ein Polizist auf mich zukam und sagte, er würde mit mir sofort auf Streife fahren, ich hätte immer alles im Blick, da würde er sich sicher fühlen, das war so schön zu hören.

Haben Sie sich mit der Rolle der Franzi in der „Hafenkante“ einen heimlichen Wunsch erfüllt, weil Sie gern Polizistin geworden wären?
Ja, ich habe mich nach dem Abitur bei der Polizei in Berlin beworben und wollte zur berittenen Polizei. Das war relativ schwierig, weil es damals in Berlin nur ein paar Pferde gab und man sowieso erst mal die Grundausbildung machen musste. Ich dachte mir, irgendwie werde ich das schon schaffen, aber dann bin ich leider durch den Mathe-Test gefallen. Es gab viele Bewerber, und es wurde gleich bei den Tests hart selektiert. Eigentlich lief alles ganz gut, aber bei Mathe war es dann nicht ausreichend.

Bedauern Sie manchmal, dass es mit dem Beruf der Polizistin nicht geklappt hat?
Nee, ich glaube, es ist genau richtig so. Vielleicht wäre ich sonst öfter mal in einen echten Gewissenskonflikt gekommen. Ich wüsste nicht, wie ich als Polizistin handeln würde, wenn es zum Beispiel bei einer Demonstration zu Festnahmen käme und dann da beste Freunde von mir dabei wären. Es würde mir schwer fallen, da nicht schnell mal wegzugucken und die laufen zu lassen. Ich finde, das ist ein sehr spannendes Thema für die „Hafenkante“ und habe das auch schon mal angemeldet. Aber ich möchte es nur spielen. Oder wenn ich bei der berittenen Polizei wäre und irgendwer würde meinem Pferd was tun, ich glaube, dann wäre ich kein Menschenfreund mehr.

Sie sprechen Hörspielrollen von Kinderbüchern, zum Beispiel TKKG, die grad die 200. Folge feiern, oder „Die drei Fragezeichen“ und strahlen jetzt sofort bei dem Stichwort.
Ja, das macht mir solchen Spaß. Vor dem Mikrophon zu sitzen und Worten einen Ausdruck zu geben, dass die Hörer Bilder vor sich sehen, das finde ich so schön. Ich kenne das Gefühl selbst vom Lesen, das möchte ich gerne mit meiner Stimme für Kinder zaubern.

Auf der anderen Seite lieben Sie auch den totalen Gegensatz, die düsteren skandinavischen Krimis. Was fasziniert Sie daran?
Diese dunklen Geschichten sind einfach so dicht erzählt, bis in kleinste Details ausgemalt, die Szenen sind mit viel Bedacht gezeichnet und beschrieben, die Personen und Charaktere, wie die leben und sprechen. Das ist nicht einfach nur hingeschrieben. Es gibt in anderen Filmen manchmal Texte, da denke ich, der ist gut aufgesagt, lebt aber nicht. Das passiert mir bei nordischen Krimis nicht.

Können Sie sich mit den Kommissaren, die zumeist männlich und wechselweise melancholisch, eigenbrötlerisch beziehungsgestört, alkoholisiert, sexsüchtig oder sonst wie sonderlich sind, identifizieren?
Ach, wenn man die meisten Menschen runterkochen würde auf das, was sie wirklich ausmacht, hat doch jeder von uns irgendwie ‘ne absolute Macke. Die ist aber unspannend, wenn sie im Fernsehen durch eine überbordende Handlung übertüncht wird. Bei den nordischen Krimis braucht man manchmal nur in die Gesichter zu sehen.

Und welches ist Ihre Macke?
(überlegt sehr lange) Ich bin ein sehr rastloser Mensch, das stresst manchmal meinen Mann, der sehr gut zur Ruhe kommen kann. Ich bekomm ’n Affen, wenn ich auf dem Sofa sitzen müsste, um mich zu erholen. Das kann ich nicht, da krieg ich echt ‘ne Macke. Ich bin echt der Typ, der raus muss. Das war schon immer so. Ich musste in den Pferdestall. Ich musste in den Garten, umgraben, Bäume schneiden, das Gefühl haben, etwas Produktives zu tun.

Man konnte kürzlich lesen, dass Sie mit ihrem Sohn zum Fußball gegangen sind: Aus Spaß am Spiel oder nur aus Mutterliebe?
Zuletzt war es aus Zeitmangel etwas seltener, aber ich bin echt gern beim Fußball im Volksparkstadion. Am liebsten bevor all die anderen Zuschauer kommen, weil das dann noch so schön nach sattem, feuchtem Rasen riecht. Allein dieses Gefühl ist traumhaft schön. Und dann dieses schöne Stadion.

Speziell das vom HSV?
Ja, ich bin deshalb auch schon recht lange bei der HSV-Stiftung „Hamburger Weg“ engagiert dabei und mach da viel zur Unterstützung sozialer Projekte.

Noch im März beginnen die Dreharbeiten für die zwölfte Staffel von „Notruf Hafenkante“. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wann für Sie Schluss ist?
Ich glaube, ich mache das so wie bei GZSZ. Wenn ich ein Gefühl wie in der Schulzeit habe, als ich zur nullten Stunde Mathe aufstehen musste und und mir dachte „Och Nö!“, dann höre ich auf. Bei GZSZ war das an so einem grauen, nebligen Novembermorgen. Ich fuhr mit meinem alten Opel Corsa zum Studio in Babelsberg und stieg aus dem Auto. Es nieselte und ich dachte, oh nee, nullte Stunde. Jetzt fahr ich einen Ascona, der ist sogar noch älter. Aber das Gefühl gibt es noch nicht. Ich hab ja auch so viel zwischendurch zu tun.

Rhea Harder-Vennewald persönlich
Berlin oder Hamburg? (langes Zögern) Schachmatt, Berlin ist meine Heimat, Hamburg ist mein Zuhause.

„Hafenkante“ oder „Großstadtrevier“? Natürlich „Hafenkante“. Weil’s mein‘s ist.

„Tatort“ oder „Kommissarin Heller“? Ich finde Kommissarin Heller spannend. DEN Tatort gibt es ja nicht mehr, sondern es sind die Tatorte, die Spanne ist so weit geworden. Wenn, dann ist Münster mein Lieblingstatort oder der aus Dortmund mit dem Kommissar, der ‘ne Vollmacke hat.

Henning Mankell oder Stig Larsson? Oha, die sind schon beide gut. (wieder langes Überlegen) Ich glaube Stig Larsson, der ist noch etwas düsterer.

HSV oder St. Pauli? Ich brenne für den HSV.

Wochenmarkt oder Supermarkt?Wenn meine Gemüsefrauen da sind, dann Wochenmarkt.

Drei Kinder oder vier? Wo drei Platz haben, hätte auch noch ein viertes Platz.

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erstellt am 18.Mär.2017 | 10:00 Uhr

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