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Hamburg

07. Dezember 2016 | 17:30 Uhr

Salafismus : Radikale Islamisten haben großen Zulauf in Hamburg

vom

Die Zahl der Salafisten hat sich seit 2011 verdreifacht. Weniger Islamisten reisen in Kriegsgebiete aus.

Hamburg | Es ist eine besorgniserregende Entwicklung: Die Zahl der erfassten Salafisten in Hamburg ist nach Angaben des Verfassungsschutzes auf gut 620 gestiegen. Von ihnen seien rund 310 sogenannte Dschihadisten, also Anhänger des bewaffneten Heiligen Krieges, teilte das Landesamt mit. Mitte Juni hatte die Zahl der Salafisten noch bei 580 gelegen.

Verfassungsschützern gilt der Salafismus in Deutschland als extremistische Bewegung mit der größten Dynamik. Ziel der Anhänger ist es, die Gesellschaft zu islamisieren. Ihr Glauben ist radikal.

Seit 2011 hat sich die Zahl mehr als verdreifacht. Vor fünf Jahren waren erst 200 Anhänger dieser besonders puristischen Strömung des sunnitischen Islams gezählt worden. Von den derzeit gut 620 erfassten Islamisten seien rund 190 Deutsche. „Die Mehrzahl ist hier auch sozialisiert worden“, sagte Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß.

Die Zahl der bekannten Salafisten wachse, weil die Verfassungsschützer vor allem über soziale Netzwerke mehr Einblicke in die Szene bekommen. Anders als das Terrornetzwerk Al-Kaida stellten die Anhänger des sogenannten Islamischen Staates (IS) zahlreiche Informationen und Propaganda ins Internet. „IS-Anhänger sind extrem medienaffin und posten regelmäßig ihre Propaganda“, sagte Voß. Die steigende Zahl der Salafisten hänge also zum Teil mit den verstärkten Aufklärungsbemühungen des Landesamtes zusammen, sie zu erfassen. Die Szene habe aber auch de facto einen anhaltenden Zulauf. „Der extremistische Salafismus ist derzeit die dynamischste extremistische Bestrebung in Deutschland und Europa“, sagte Voß.

Zentrum ist die Tagwa-Moschee in Harburg

In Hamburg radikalisierten sich junge Menschen nicht nur über das Internet und soziale Medien. Wichtig seien auch die Infostände der Kampagne „Lies!“, auf denen Koranexemplare verschenkt werden. Die Veranstalter seien bekannte und führende Salafisten. Sie verteilten den Koran, aber tatsächlich sei die Aktion ein Mittel zur Kontaktaufnahme. „Diese Menschen missbrauchen die Religion des Islam“, sagte Voß.

Andere Islamisten, etwa von der verbotenen Organisation Hizb ut-Tahrir, versuchten auch, muslimische Flüchtlinge zu indoktrinieren. Zentrum der Islamisten in Hamburg sei die Taqwa-Moschee im Stadtteil Harburg. „Da trifft sich die Hautevolee der Salafisten.“ Seit 2013 sind nach Angaben von Voß rund 70 Hamburger Islamisten in die Kriegsgebiete in Syrien und im Irak ausgereist. Aus ganz Deutschland seien es mittlerweile 850. „Es reisen nicht mehr so viele Personen aus wie in früheren Jahren“, stellte Voß fest. 20 der Hamburger seien vermutlich tot, ein Drittel zurückgekehrt. Die Rückkehrer stünden im besonderen Fokus der Sicherheitsbehörden.

Manche von ihnen seien frustriert. Einige würden sogar desertieren. Er erwähnte als Beispiel den 17-jährigen Bilal, der in einer Audiobotschaft über die schlechte Behandlung beim IS geklagt hatte.

Der in Hamburg aufgewachsene Jugendliche warf dem IS zudem vor, dass er seine Anhänger über die wahren Umstände im Kampfgebiet täusche, Unwahrheiten verbreite und dass er junge eingereiste Ausländer als Kanonenfutter an der Front verheize. Bilal soll im vergangenen Jahr unter ungeklärten Umständen in Syrien getötet worden sein.

Auch der 27-jährige Harry S. aus Bremen, der Anfang Juli vom Oberlandesgericht Hamburg zu drei Jahren Haft verurteilt worden war, habe öffentlich davor gewarnt, sich dem IS anzuschließen. „Wenn Harry S. sich wirklich glaubwürdig distanziert, könnte er für die Beratungsstellen und die Präventionsstrategien der Behörden ein wichtiger Mitstreiter werden, der aufgrund seiner Erfahrungen junge Leute vor dem Salafismus und Dschihadismus warnen könnte“, sagte Voß.

In Hamburg betreut die Beratungsstelle Legato in rund 100 Fällen Angehörige von radikalisierten jungen Menschen.

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erstellt am 27.Aug.2016 | 10:55 Uhr

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