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Hamburg

11. Dezember 2016 | 03:18 Uhr

Kindesmisshandlung in Hamburg : Prozessbeginn im Fall Tayler: Stiefvater will den Einjährigen nicht geschüttelt haben

vom

Vor neun Monaten starb der einjährige Tayler infolge schwerer Misshandlungen. Der Lebensgefährte der Mutter soll den Jungen so stark geschüttelt haben, dass er an den Verletzungen kurz darauf starb.

Hamburg | Die Hände des Angeklagten zittern leicht, als er zu Prozessbeginn eine Erklärung vorträgt. „Ich habe Tayler nicht geschüttelt“, liest Michael Q. (27) vom Blatt. „Ich habe das Kind geliebt wie meinen eigenen Sohn. Sein Tod bestürzt mich zutiefst.“ Die Staatsanwaltschaft ist vom Gegenteil überzeugt, sie hat den Mann aus Schenefeld (Kreis Pinneberg) wegen Totschlags angeklagt. Er habe am 12. Dezember 2015 den einjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin (23) „heftig und gewaltsam hin und her geschüttelt“ , so dass dieser schwersten Hirnverletzungen erlitt, an denen er eine Woche später starb.

Der vom Jugendamt Altona betreute ein Jahr alte Tayler war am 19. Dezember 2015 mutmaßlich an einem Schütteltrauma gestorben. Der Fall Tayler ist nicht der erste Fall der Kindesmisshandlung, wegen dem das Jugendamt Hamburg in der letzten Zeit in die Kritik geriet. Im November 2015 hatte das Landgericht einen 27-Jährigen wegen schwerer Kindesmisshandlung zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte nach Überzeugung des Gerichts seinen drei Monate alten Sohn so heftig geschüttelt, dass dieser seit der Tat Ende April schwerstbehindert ist. Vor zwei Jahren wurde Yagmur von ihrer Mutter getötet.

Dem Hamburger Landgericht steht ein Indizienprozess bevor, in dem das medizinische Gutachten zur Todesursache die wohl entscheidende Rolle spielen wird.

Michael Q. ist ein kräftiger junger Mann mit üppigen Oberarmen und blauem T-Shirt. Am besagten Tag, einem Sonnabend, war er mit dem zwölf Monate alten Tayler allein in der Altonaer Wohnung. Das Kind stammte aus einer anderen Beziehung der Freundin des Angeklagten. Er habe an dem Nachmittag mit Tayler auf dem Sofa gelegen und Musik gehört, sagte Q. „Als ich die Spülmaschine in der Küche einräumen wollte, hat Tayler plötzlich Schnappatmung bekommen und gekrampft.“ Er würde selbst gern wissen, wie so etwas komme. „Ich habe definitiv nichts gemacht."

Laut Anklage rief der Stiefvater nicht sofort den Notarzt, obwohl das Baby „ernste klinische Symptome wie Krämpfe, Erbrechen und Atemnot“ zeigte. Vielmehr verständigte er zunächst die Mutter und erst auf deren Anweisung hin den Rettungsdienst.

Die 23-Jährige ist Nebenklägerin im Verfahren, sie soll am Montag aussagen. Auch sie hatte zunächst als Beschuldigte gegolten. Aufgrund der Obduktionsergebnisse gilt der Verdacht gegen sie inzwischen als ausgeräumt. Laut den Medizinern erlitt Tayler die tödlichen Hirnverletzungen, während seine Mutter nachweislich einkaufen war.

Der Tod des Jungen hat in der Stadt einmal mehr eine heftige politische Debatte ausgelöst. Tayler und die Familie waren vom Jugendamt betreut worden. Zum wiederholten Mal in den vergangenen Jahren kam ein Kind in städtischer Obhut gewaltsam ums Leben.

Ein Prüfbericht der Jugendhilfeinspektion stellte schwerwiegende Fehler der Behörden in Altona und des Sozialhilfeträgers Rauhes Haus fest. So war das Baby bereits vier Monate zuvor wegen eines Schlüsselbeinbruchs behandelt worden. Obwohl die Umstände nie geklärt wurden, schickte das Jugendamt Tayler zurück zur Mutter und deren Freund. Auch mit dieser Verletzung habe er nicht zu tun, beteuerte Michael Q. am Freitag.

Die Fraktionen der Bürgerschaft haben gerade die Einsetzung einer Enquete-Kommission zum Thema angekündigt. Sie soll die Arbeit der Hamburger Kinder- und Jugendhilfe gründlich untersuchen und Verbesserungsvorschläge erarbeiten.

Lesen Sie hier die Chronik zu Geschehnissen vom Fall Tayler.

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erstellt am 09.Sep.2016 | 18:30 Uhr

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