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Hamburg

09. Dezember 2016 | 20:25 Uhr

Fall aus Harvestehude : Polizei machtlos: Profi-Autoknacker machen Hamburg unsicher

vom

Navis, Lenkräder, Airbags, Radios – organisierte Banden stehlen die gesamte Bordtechnik aus Luxusautos. Kaum ein Täter wird geschnappt.

Hamburg | Nicolas F. (30) mag nicht glauben, was er sieht. Zum dritten Mal binnen sechs Monaten haben Autoknacker in Hamburg seinen BMW aufgebrochen und Teile der Bordtechnik gestohlen. „Lenkrad, Airbags, Tacho – alles rausgerissen“, berichtet der Geschäftsführer der Medienholding Nord Digital empört. In den vorigen Fällen hatten die Täter auch das Navigationssystem mitgenommen; diesmal wurden sie wohl gestört und ließen das wertvollste Bordinstrument zurück.

Nicolas F. tröstet das nicht. Der Schaden ist auch so enorm, in seinem Wagen sieht es verheerend aus: herausgerissene Kabel, Glassplitter und Plastikteile auf den Sitzen, das hintere rechte Fenster ist eingeschlagen. Der Schaden lag jedes Mal im vier- bis fünfstelligen Bereich.

Mit Gewalt verschaffen sich die Diebe Zugang zum Auto.
Mit Gewalt verschaffen sich die Diebe Zugang zum Auto. Foto: Privat

Dreimal hatte der 30-Jährige seinen BMW 550 über Nacht in derselben Straße im gutbürgerlichen Harvestehude geparkt, dreimal blieben die Täter unbehelligt und entkamen samt Beute in der Dunkelheit. Für das Opfer ein Unding: „Wie ist es möglich, dass so etwas dreimal am selben Ort passieren kann?“ F. urteilt: „Die Polizei hat das Thema nicht im Griff und tut zu wenig.“

In der Tat gehören Autoaufbrüche bundesweit zu den Delikten mit der geringsten Aufklärungsquote überhaupt, auch in Hamburg. Dort wurde 2015 nur etwa jeder 30. Autoknacker geschnappt (3,8 Prozent); im ersten Quartal 2016 sackte der Wert auf gut zwei Prozent. Wie andere Großstädte zählt die Hansestadt zu den Brennpunkten bei diesem Delikt. Spitzenreiter war 2015 Dortmund, dicht gefolgt unter anderem von Berlin und  Hamburg. Egal wo – bei den Langfingern sind vor allem hochpreisige Fahrzeuge von BMW, Audi, Mercedes und VW beliebt.

Auf der Rückbank liegen die Trümmer der nächtlichen Aktion: Zierblenden, Glassplitter und Lüftungen.
Auf der Rückbank liegen die Trümmer der nächtlichen Aktion: Zierblenden, Glassplitter und Lüftungen. Foto: Privat
 

Hinter den Taten stecken fast immer organisierte Banden, meist reisen die Autoknacker aus Polen oder Litauen an, so berichten es Fahnder. Die Männer gingen in der Regel zu zweit oder dritt vor: Einer schlägt die Scheibe ein, ein anderer öffnet Tür und Motorhaube, damit der Dritte flugs die Alarmanlage stummschalten kann. „Für den Ausbau der Technik brauchen die dann nur wenige Minuten“, heißt es bei der Polizei. Die Beute wird häufig nach Osteuropa gebracht, wo die Geräte übers Internet verkauft und in andere Fahrzeuge eingebaut werden. Der Absatzmarkt der heißen Ware ist global, wie die „Auto Bild“ im vorigen Jahr nachwies. Reporter verfolgten per Peilsender die Reise eines im Raum Hamburg geklauten Navi und fanden es schließlich in einem BMW in China wieder.

„Gegen solch hoch professionelle Tätergruppen helfen nur Observationen durch Zivilstreifen“, sagt Joachim Lenders, Hamburger Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) und CDU-Bürgerschaftsabgeordneter. Dafür aber fehle es der Polizei an der Elbe am Personal, so seine Kritik. Mindestens 400 Vollzugsstellen müssten zusätzlich her. Der Gewerkschafter beklagt auch, dass Richter gefasste Täter fast immer nur zu Bewährungsstrafen verurteilten und in die Freiheit entließen. „Das ist doch keine Abschreckung.“

Warum dasselbe Auto dreimal geknackt wird

Die Innenbehörde verweist auf die Ansage von Innensenator Andy Grote (SPD), 300 zusätzliche Polizisten einzustellen. Das werde auch der Aufklärung von Autoaufbrüchen zugutekommen. Im Landeskriminalamt gibt es eine denkbare Erklärung dafür, warum Nicolas F. gleich dreimal Besuch von Autoknackern bekam. „Wir haben mehrere Fälle von Zweit- und Drittaufbrüchen“, berichtet eine Polizeisprecherin. Die Masche dahinter: Die Diebe stehlen zunächst das Original-Navi, das wegen einer werksseitigen Codierung in keinem anderen Fahrzeug funktioniert. Die eingebauten Ersatz-Navis verfügen über diese Sperre nicht. Ist der Wagen aus der Werkstatt zurück, stehlen die Täter das Zweitgerät, das sich auf dem Schwarzmarkt ohne Weiteres absetzen lässt.

Obwohl die Zahl der Autoaufbrüche bundesweit seit Jahren rückläufig ist, steigt die Schadenssumme deutlich an. 2015 gab es in Hamburg mit 16.700 vollendeten und versuchten Aufbrüchen gut ein Prozent weniger Fälle als im Jahr zuvor. Die Summe der Schäden kletterte zugleich aber von 11,2 Millionen auf 14,2, Millionen Euro. Grund ist die immer hochwertigere Hightech im Cockpit von Nobelmarken – die immer gezielter gestohlen wird. Bundesweit zahlten die Kfz-Versicherungen 2014 rund 195 Millionen Euro für Schäden aus Diebstahl von Navis, Radios und ähnlichem – neuer Rekord.

Auch in Schleswig-Holstein ist die Zahl der Autoaufbrüche rückläufig. 2015 waren es  landesweit 12.111 Fälle – fast 1000 weniger als im Vorjahr. Damit wurden im Land durchschnittlich jeden Tag 33 Autos geknackt. Ein regionaler Schwerpunkt sind die an Hamburg angrenzenden Speckgürtelkreise. Die Aufklärungsquote liegt im Land mit 7,2 Prozent zwar doppelt so hoch wie in Hamburg, ist im Vergleich zu anderen Delikten aber äußerst niedrig.

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erstellt am 02.Jul.2016 | 07:00 Uhr

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