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Hamburg

08. Dezember 2016 | 23:10 Uhr

Interview : Piano-Tausendsassa Joja Wendt: „Joe Cocker hat mich in der Kneipe entdeckt“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Joja Wendt über die Kunst des Unmöglichen, einen tanzenden Flügel – und Kinder, die keine Lust zum Üben haben.

Hamburg | Von „Wetten dass..?“ bis Wacken: Joja Wendt beherrscht die Klaviatur des gehobene Piano-Entertainments und hat es mit seiner Tastenkunst bis nach China geschafft. Der 52-jährige Alleskönner hat musikalisch viel hinter sich – und noch viel vor.

Herr Wendt, Sie gelten als einer der besten Klavierspieler hierzulande. Wie kommt es, dass Sie ein so breites Repertoire anbieten?
Es ist im Grunde wie in allen Berufen heutzutage. Es gibt Spezialisten. Das ist in der Klassik auch so. Die einen interpretieren besonders gut Mozart, die anderen Chopin. Mir persönlich haben immer schon verschiedenste Arten von Musik gefallen: Stücke aus der Klassik, aus dem Jazz oder auch Pop. Insofern bin ich schon von Haus aus relativ breit gefächert aufgestellt.

Wie schmal ist der Grat zwischen musikalischem Tiefgang und Entertainment?
Ich übe beispielsweise seit fünf Jahren jeden Tag ein Stück von Vladimir Horowitz. Da erreicht man schon eine gewisse Tiefe, aber trotzdem ist mein musikalischer Blickwinkel so weit, dass ich auch Popstücke spiele. Bei meinem nächsten Programm versuche ich, verschiedene Musikstile zusammenzubringen. Bebop mit Swing, Boogie mal jazzig oder ich spiele den Hummelflug mit Hip-Hop-Grooves, oder wie auf dem Wacken-Open-Air eine klassische spanische Folklore-Nummer als Rockversion. Alleine auf dem Klavier vor 80.000 Leuten.

Hintergrund: Joja Wendt im Porträt

Der Hamburger Jung Joja Wendt (52) ist Sohn einer Sängerin und eines Arztes. Mit vier Jahren begann er, Klavier zu spielen. Nach dem Abitur stieß er zur Hamburger Jazz- und Boogie-Szene. Es folgte ein Klavierstudium in Hilversum und an der Manhattan School of Music in New York.

Wendt trat mit Musik-Ikonen wie Jerry Lee Lewis, Fats Domino und Joe Cocker auf. Anfang der 2000er machte ihn sein Mix aus anspruchsvoller Tastenkunst und Unterhaltung bundesweit bekannt. Joja Wendt lebt mit Frau Birte und den Kindern Elisa und Julius in Hamburg-Groß Flottbek.

 

Basis ist eine gute klassische Ausbildung?
Ja. Als ich zu meinem Vater nach der Schule gesagt habe, ich möchte mein Leben mit Musik bestreiten, hat er gesagt: Okay, wenn du Musiker werden willst, dann möchte ich, dass du es von der Pike auf lernst, studierst und auch ins Ausland gehst. Zudem war ihm wichtig, dass ich ordentlich meine Steuererklärung mache (lacht).

Sie haben schon als kleiner Junge mit dem Klavierspielen begonnen...
Ich habe aber nie damit gerechnet, dass ich es einmal beruflich ausübe. Obwohl mich Joe Cocker damals auf Tournee mitgenommen hat. Ich habe mit Chuck Berry gespielt und Fats Domino. Es gab Mitte der Achtziger in Hamburg eine quietschfidele Liveszene rund ums Onkel Pö. Udo Lindenberg und Otto Waalkes waren da, und die ganzen Pianisten spielten. Dann hat die Rocksängerin Inga Rumpf mich auf ihre Deutschlandtournee mitgenommen. Dadurch habe ich überregional Erfahrung gesammelt. Ich habe mir in der Zeit außerdem 50-Mark-weise meinen Lebensunterhalt durch nächtelange Auftritte auf Geburtstagen und Hochzeiten verdient.

Wie kam es zur Entdeckung durch Joe Cocker?
Es gab am Großneumarkt die Musikkneipe „Sperl“, in der Cocker auftauchte. Hamburg war Deutschlands Musikhauptstadt. Hier waren viele Verlage und Plattenfirmen ansässig, eine florierende Musikpresse, darum war es für Musiker so interessant hier. Ich habe einen Muddy Waters-Titel gespielt, und Cocker war begeistert. Sein Vorprogramm war ausgefallen, am nächsten Tag habe ich dem Publikum dann in der Alsterdorfer Sporthalle auf einem kleinen Klavier eingeheizt. Daraufhin hat er mich auf seine Deutschlandtournee mitgenommen.

Das Selbstbewusstsein wächst bekanntlich mit dem ,Erfolg, dass Sie gut sind wussten Sie dann damals aber schon?
Man wächst vor allem mit dieser Aufgabe und der Erkenntnis, alleine über 1000 Leute unterhalten zu können. Im Grunde ist das, was ich jetzt mache, eine logische Folge dessen, was sich damals als Vision rauskristallisiert hat. Es dauert ewig, bis du soweit bist, ich war um die 20. Es ist wie bei einem Boxer: Dein Talent erkennst du auf der Straße, dann musst du ackern und ackern, bis du es an die Spitze schaffst.

 

Das Studium war nicht nur Jux und Tollerei?
Auch wenn Kommilitonen meinten, ich sei wahnsinnig diszipliniert, habe ich es überhaupt nicht so empfunden. Während meiner Studienzeit in New York habe ich nächtelang meinen Helden gelauscht. So aufgeladen habe ich teils bis nachts um zwei Uhr in Kneipen gespielt, und morgens um acht Uhr saß ich wieder am Klavier und habe geübt. Ich musste das nicht, ich wollte. Zwischen 20 und 30 habe ich kontinuierlich nur Klavier gespielt. Es gab nichts anderes. In der Zeit habe ich möglicherweise mein Rüstzeug erlangt, um ein Klavierkonzert abwechslungsreich gestalten zu können. Meine Kollegen sagen immer: Joja, du kannst alles spielen, von Klassik über Jazz bis zum Boogie-Woogie. Bei den Konzerten gereicht mir diese Bandbreite zum Vorteil.

Was raten Sie Kindern, die keine Lust haben, Klavier zu üben?
Man kann es nie erzwingen. Aber den Kindern die Möglichkeiten geben, soweit man dazu wirtschaftlich in der Lage ist, halte ich für wichtig. Die musikalische Früherziehung liegt mir sehr am Herzen. Ich habe eine Klavier-Onlineschule, „Jojas Piano Academy“ gegründet, in der Kinder und auch Erwachsene kostenlos Klavier lernen können.

Sie bauen unterhaltende Elemente in Ihr Programm ein. Auch Tischtennis wurde schon auf Ihrem Flügel gespielt.
(Lacht) Ich war 2008 noch zu Gottschalks Zeiten Pate einer Klavierwette bei „Wetten, dass..?“ Dort sprachen mich Chinesen an und erzählten, dass Klavierspielen in China groß wäre. Und ein „Wetten, dass..?“ hätten sie auch. Ob ich dort auch mal was Kreatives machen könnte. Wir haben in der Sendung dort dann den Klavierflügel zugeklappt, ein Tischtennisnetz darauf gespannt. Zwei Weltmeister im Tischtennis haben dann den Rhythmus zu dem Titel gemacht, den ich gespielt habe. Ich bin daraufhin jedes Jahr in die größte chinesische Fernsehsendung eingeladen worden. Ich mache einmal im Jahr eine große Tournee dort. Auch diesen November wieder.

Und es gab ein Klavier mit pneumatischen Beinen...
Die pneumatischen Beine gehen auf eine Biografie von Franz Liszt zurück, der vermeintlich mit dem Flügel über die Bühne tanzte. Dann hat mir ein ehemaliger Fabrikleiter von Steinway – ich bin Steinway-Artist – die Beine ausgehöhlt und Pressluftzylinder reingesetzt. Man sieht es dem Flügel von außen nicht an. So kam es, dass der Flügel tanzen konnte.

Sie gelten als Charming Boy. Ist Klavier ein Instrument, mit dem man gerade bei den weiblichen Fans ankommt?
(Lacht laut) Es reicht nicht wenn jemand nur gut Klavier spielt oder „charming“ ist, sondern das Gesamtpaket muss stimmen. Die Optik ist nicht entscheidend der Charakter ist wichtig und man muss für etwas brennen. Ich habe in der Tat ein prima Verhältnis zum anderen Geschlecht. Tatsächlich sind 75 Prozent des Publikums weiblich. Das liegt aber eher daran, dass Frauen in Klavierkonzerte gehen und dann ihren Mann mitnehmen. Dennoch: Klavierspielen ist ein Transportmittel für Emotionen, Sehnsüchte und Wünsche eines Jeden.

Wie steht es um die Musikstadt Hamburg?
Ich würde Hamburg immer noch als Deutschlands Musikhauptstadt bezeichnen. Es gibt hier verschiedenste musikalische Biotope. Das ist bestimmt auch durch den Kiez, die Reeperbahn, begünstigt. Hier – wie in Berlin und Köln auch ein wenig – gibt es eine quietschfidele Subkultur. Das inspiriert die Kreativität in allen Künsten. Und die Musicals befeuern das zusätzlich. Es sind viele US-amerikanische Künstler deswegen hier, die hören nach Feierabend nicht auf, sondern machen in Bars oder Clubs, weiter, indem sie etwas live vortragen.

Was wird das neue Programm bieten, mit dem sie 2017 auf große Deutschland-Tournee gehen?
Das Programm wird „Die Kunst des Unmöglichen“ heißen. Stücke von denen man vielleicht sagen würde, das ist „unmöglich“ zu spielen. Ich fange im März in Flensburg an. Es ist meine erste Konzertreihe für meinen neuen Konzertveranstalter DEAG. Es ist an der Schnittstelle zwischen U- und E-Musik. Ich bin in einem Stall mit dem Geiger David Garrett und dem Trompeter Till Brönner als Top-Instrumentalisten. Mit mir haben sie sich möglicherweise den unterhaltsamsten von allen ausgesucht. Der Slogan lautet: „Joja Wendt, alles andere als piano“. Ich freue mich auf rund 35 Konzerte im In- und Ausland.

Joja Wendt persönlich
Die Elbphilharmonie ist für mich... ein neuer Wallfahrtsort der Musikszene.
Meine schönsten Konzerte als Zuhörer waren... Keith Jarrett und AC/DC.
Meine schönsten Konzerte als Interpret waren... mit Joe Cocker.
Meine größte Panne auf der Bühne... mir ist mal eine Pianosaite gerissen und gegen die Stirn geschlagen. Die Narbe habe ich noch.
An den Hamburgern schätze ich... dass sie wahnsinnig liberal sind.
Bei kreativen Krisen hilft mir... abwarten und mich mit anderen Dingen zu beschäftigen, dann kommt die Kreativität schon wieder.
Der beste Klavierspieler der Welt ist für mich... in der Klassik Vladimir Horowitz und im Jazz Art Tatum.

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von
erstellt am 19.Nov.2016 | 15:00 Uhr

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