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Hamburg

08. Dezember 2016 | 12:55 Uhr

Öko-Qualität : Nabu kritisiert Kreuzfahrtbranche: So dreckig wie fünf Millionen Autos

vom

Traumschiffe sind für die Umwelt eher ein Albtraum, bemängelt der Nabu – und Ankündigungen sich zu bessern, meist nur leere PR-Versprechen.

Hamburg | Wenn der Nabu die Öko-Qualität der Kreuzfahrtbranche bewertet, dann kriegt selbst der Testsieger sein Fett weg. Aida Cruises sei trotz der Spitzenposition im verbandseigenen Kreuzfahrtranking 2016 „keineswegs ein mustergültiges Vorzeigeunternehmen“, tadelte Dietmar Oeliger, Nabu-Leiter Verkehrspolitik, in Hamburg. Auch die Luxusliner mit dem Kussmund werden nach seinen Worten noch immer mit giftigem und umweltschädlichem Schweröl angetrieben. Und: Auch die vor drei Jahren für die gesamte Flotte angekündigten Rußpartikelfilter gebe es bis heute auf keinem einzigen Aida-Schiff. Selbst die „Aida Prima“, Primus im Ranking 2016, bleibe einstweilen ein Schmuddelkind. Auf dem Flaggschiff mit Basishafen Hamburg laufe ein halbes Jahr nach der Taufe das Abgassystem noch immer nicht dauerhaft.

Der Verband sieht die gesamte Traumschiffindustrie umweltmäßig auf dem falschen Dampfer. Die Anbieter gäben Unsummen für Bespaßung und den gastronomischen Service an Bord aus, während sie beim Umweltschutz weiterhin sparten, „wo es nur geht“.  „Sämtliche Schiffe verfeuern weiterhin Schweröl. 80 Prozent der Flotte der in Europa fahrenden Schiffe verfügt über gar keine Abgasreinigung oder kommt allenfalls dem gesetzlichen Mindeststandard nach“, heißt es. Ein großes Kreuzfahrtschiff bläst laut Nabu so viele Schadstoffe in die Luft wie fünf Millionen Autos auf gleicher Strecke.

Aus den Schornsteinen der Luxusliner quellen weitgehend ungefiltert gefährliche Schadstoffe wie Ruß, ultrafeine Partikel und Stickoxide. Der Nabu verweist auf „erdrückende“ Studienergebnisse, wonach Schiffsabgase Krebs erregend sind und die besonders herz- und lungenschädigenden Rußpartikel mehrere hundert Kilometer weit ins Landesinnere getragen werden. Leidtragende der schwimmenden Dreckschleudern sind außer den Passagieren die Bewohner von Kreuzfahrthäfen wie Hamburg. Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller warf den Reedereien „Greenwashing“ vor. Ständig werde bessere Umwelttechnik angekündigt, aber nicht umgesetzt. „Und das einzig aus Profitgründen.“

In der Rangliste der relativ sauberen Schiffe folgen auf die „Aida Prima“ die „Europa 2“ von Hapag-Lloyd sowie die TUI Cruises, „Mein Schiff 3, 4 und 5“. 24 Cruiser fallen beim Nabu komplett durch, darunter die „Queen Mary 2“ (Cunard) sowie Luxusliner der übrigen Branchenführer Costa, MSC, Norwegian und Royal Caribbean.

Der Kreuzfahrerverband Clia verweist dagegen auf erhebliche Fortschritte beim Umweltschutz. Die Reedereien hätten in den vergangenen Jahren mehr als eine Milliarde US-Dollar in innovative Technologien investiert, sagte Karl J. Pojer, Clia-Präsident und Chef von Hapag-Lloyd Cruises. Clia-Deutschlandchef Helge Grammerstorf verwies auf bestellte Neubauten mit sauberer Technik für acht Milliarden Euro, darunter reine Flüssig-Erdgas-Antriebe. Zudem würden ältere Schiffe nachgerüstet. Dies sei aber teuer und langwierig, so Grammerstorf. „Acht bis zehn Millionen Euro kosten die Abgasreinigungssysteme pro Schiff.“

Clia Deutschland hatte jüngst mitgeteilt, dass in Europa 75 Schiffe mit Abgasreinigungssystemen ausgestattet seien und 52 Schiffe Voraussetzungen für Landstrom erfüllten. Für den Nabu ist fraglich, ob diese Techniken tatsächlich eingesetzt werden. In Hamburg bezieht bisher lediglich ein Kreuzfahrtschiff Landstrom am Terminal Altona. Hier müsse die Politik stärker auf die Reeder einwirken, diese Energie bei vorhandenen Anschlüssen auch zu nutzen, auch wenn sie teurer sei als Marinediesel im Hafen, forderte Hamburgs Nabu-Vertreter Malte Siegert. Andernfalls sollten Strafen erlassen werden.


 

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Kreuzfahrt-Reedereien haben es beim Umweltschutz leider nicht so eilig, wie sie behaupten. Laut Nabu schippern alle der vermeintlich traumschönen Luxusliner in Europa noch mit hochgiftigem Schweröl über die Meere. Schwimmende Sondermüll-Verbrennungsanlagen, die uns die Atemluft verpesten. Dabei sind Alternativen wie LNG und Landstrom längst vorhanden. Gewiss: Der Bau umweltfreundlicherer Passagierdampfer dauert Jahre. Schneller freilich geht der nachträgliche Einbau moderner Abgastechnik. Doch Reedereibosse investieren nur zögerlich in diese Richtung, manch einer setzt lieber auf vollmundige Grün-PR. Und da kommen wir Kunden ins Spiel. Einfach bei der Buchung nach der Ökobilanz des ausersehenen Traumschiffes fragen. Und im Zweifel die umweltschonende Alternative wählen. Den Mehrpreis sollte es uns wert sein.

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erstellt am 29.Aug.2016 | 17:17 Uhr

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