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Hamburg

09. Dezember 2016 | 20:20 Uhr

Hamburg-Horn : Mongols-Rocker in Sex-Falle gelockt und gefoltert - Lange Haftstrafen

vom

Die Verteidiger forderten Freisprüche oder Bewährungsstrafen. Während der Urteilsverkündung kam es zu einem Tumult.

Hamburg | Hinterlistig und brutal - so beschreibt die Vorsitzende Richterin Jessica Koerner den Überfall von fünf jungen Männern und zwei Frauen auf einen Mongols-Rocker in Hamburg-Horn. Der 26-Jährige war nach Überzeugung der Strafkammer Anfang Januar mit den beiden Prostituierten als Lockvogel in eine Laube gelockt und dort von drei Angeklagten im Alter von 24, 25 und 21 Jahren überfallen worden. Möglicherweise mit einem weiteren unbekannten Täter stürmten sie maskiert in das Gartenhäuschen, bedrohten den Rocker mit einer Pistole und misshandelten ihn mit Messer und Schlagring. „Man kann in gewisser Weise von Folter sprechen“, sagt Koerner.

Wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung wird der 24-Jährige zu fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der 25-Jährige bekommt ein halbes Jahr weniger, weil er nicht so schlimm vorbestraft ist. Sein 21 Jahre alter Bruder muss für vier Jahre ins Gefängnis. Wegen Beihilfe zu den Taten wird ein 23-Jähriger zu zwei Jahren und neun Monaten verurteilt, wobei das Gericht allerdings Strafen für weitere Delikte einbezieht. Das gilt auch für die zweieinhalb Jahre Gefängnis, die die Kammer gegen einen 22-Jährigen verhängt. Nur die 21-jährige Frau kommt mit einer Bewährungsstrafe von einem Jahr davon. Das Verfahren gegen die andere beteiligte junge Frau hat das Gericht abgetrennt.

Das genaue Motiv für die Tat bleibt unklar. Ein Zusammenhang mit Auseinandersetzungen im Rockermilieu hält das Gericht aber für wahrscheinlich. Nur wenige Tage zuvor war der Mongol mit Kumpeln vor einem Angriff der Hells Angels an der Reeperbahn geflüchtet. Die Angreifer schossen auf das Taxi, ein Streifschuss verletzte den 26-Jährigen leicht am Rücken. Der Staatsanwalt hatte die Nähe von zumindest einem der Hauptangeklagten zu den Hells Angels betont.

Der Kampf zwischen den Hells Angels und den in Hamburg inzwischen aufgelösten Mongols wurde auch mit Demütigungen geführt. Einem Anführer der Mongols war die Kutte geklaut und das Statussymbol in einem Video veralbert worden. Dass nun erneut ein Mongol bloß veralbert oder - wie die Angeklagten sagten - „verarscht“ werden sollte, glaubt die Kammer nicht.

Es sei ein kaltblütig geplantes Verbrechen gewesen, sagt Koerner. Die Angeklagten wussten, dass der Mongol kurz zuvor schon angegriffen worden war und wahrscheinlich bewaffnet sein würde. Tatsächlich hatte er eine Machete dabei. Der 23-jährige Angeklagte habe den Rocker gekannt und in einem Chat und per Telefon mit den Frauen bekannt gemacht. Die beiden Prostituierten wurden angewiesen, mit dem Mongol zu „chillen und einfach nur lieb zu sein“. Den Frauen sei klar gewesen, dass sie die Lockvögel spielen sollten. Warum hätten sie ausgerechnet in der Laube sexuelle Dienstleistungen vornehmen sollen, fragt die Richterin.

Mit dem Überfall habe jegliche Gegenwehr erstickt werden sollen. Nach den Schlägen und Stichen fesselten sie den Mongol mit Klebeband. Dann schleiften sie ihn zu einem Auto und warfen ihn in den Kofferraum. „Dabei knallte der Kopf so stark auf die Kante, dass das Blut gegen die rückwärtige Scheibe spritzte“, sagt Koerner.

Mit zwei Autos fuhren sie in die Nähe eines Krankenhauses und legten ihr Opfer auf dem Gehweg ab. Bevor sie wegfuhren, versetzte einer der Angeklagten ihm noch einen kräftigen Tritt. Bis zum Krankenhaus schaffte es der Mongol aber nicht mehr, er klingelte am frühen Morgen bei einem Anwohner, der Polizei und Rettungsdienst alarmierte. Das Institut für Rechtsmedizin habe mehr als fünf Seiten gebraucht, um alle Verletzungen aufzuführen, sagt Koerner. Er habe in Lebensgefahr geschwebt. Während das Opfer auf die Intensivstation gebracht wurde, hätten die Angeklagten in der Wohnung einer der Frauen ihre Tat gefeiert. Dann schickten sie die Frauen zum Tatort zurück, um die Laube vom Blut zu säubern. Dabei wurden sie von der Polizei überrascht.

Während der Verkündung des Urteilsspruchs erleidet eine Zuschauerin - offensichtlich eine Angehörige der angeklagten Brüder - einen Schwächeanfall. Es entsteht ein Tumult unter den rund 40 Zuschauern.

Die Vorsitzende Richterin lässt sich nicht unterbrechen, auch nicht durch das Gemurmel der Angeklagten. Auf die lautstarken und aggressiven Rufe eines Zuschauers reagiert Koerner mit der Ermahnung: „Entweder Sie sind ruhig oder Sie gehen raus!“ Nach der Urteilsverkündung gibt es erneut Geschrei und Protestrufe im Zuschauerraum.

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erstellt am 14.Okt.2016 | 18:20 Uhr

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