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08. Dezember 2016 | 15:25 Uhr

Hamburger Seebär Jürgen Schwandt : Mit 80 ist der Kapitän ein Facebook-Star

vom

Er kämpft gegen rechts und gibt Beziehungstipps - für seine 140.000 Fans ist Jürgen Schwandt Vorbild und Briefkastenonkel.

Hamburg | „Ich positioniere mich ganz klar gegen rechts - kompromisslos.“ Der Satz kommt wie aus der Pistole geschossen. Jürgen Schwandt ist Seebär, Reisender und Kolumnist. Als Kapitän hat er sein Leben lang die Weltmeere befahren. Heute sitzt der 80-Jährige mit Freund und Verleger Stefan Kruecken in seinem Stammlokal, der Haifischbar am Hamburger Hafen. Er raucht eine selbst gedrehte Zigarette, das Seemannsjackett sitzt.  Der Terminplaner ist voll, eine Lesereise mit seinem Bestseller „Sturmwarnung“, der Biografie des Kapitäns, geschrieben von Kruecken, ist im Gang.

Kein 80-Jähriger hat mehr Fans

Es gibt wohl keinen einen anderen 80-Jährigen, der mehr Fans auf Facebook hat, als „Der Kapitän“, wie ihn seine Freunde nennen: 140.000 Menschen folgen dem bärtigen Original. Denn er äußert sich zu ziemlich allem und jedem auf der Welt, von Labskaus über Donald Trump bis hin zu Pegida und der AfD. „Im schlimmsten Hafenpuff von Rotterdam ging es sachlicher zu als in mancher Kommentarspalte der AfD“, postet er. Spitz, direkt und immer mit einem Augenzwinkern.

Er appelliert für mehr Menschlichkeit und Unterstützung für Flüchtlinge. „Wir brauchen mehr Toleranz, anders geht's nicht“, sagt er. Ihn ärgert es, dass viele Menschen voller Vorurteile seien, obwohl sie noch nie mit Flüchtlingen in Kontakt getreten sind. „Doch wir wollen auch auf die Menschen aufmerksam machen, die sich für die Flüchtlinge einsetzen“, sagt Kruecken.

Die beiden engagieren sich mit Krueckens Verlag „Ankerherz“ für die Seenotorganisation „Sea Eye“, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettet. Sie werben für die Organisation und sammeln Spenden. Auch privat unterstützt Kapitän Schwandt unterschiedliche Initiativen. Er war zudem Pate einer albanischen Flüchtlingsfamilie, die mittlerweile auf eigenen Beinen steht. Er glaubt an einen Sinneswandel in der Gesellschaft. „Rechte Hardliner werde ich wohl nicht mehr überzeugen können“, sagt er. „Aber ich hoffe, dass ich diejenigen zum Nachdenken bringe, die noch nicht wissen, wie sie sich politisch positionieren sollen.“

„Der Kapitän macht die Inhalte, wir machen das Technische“, sagt Stefan Kruecken. „Als ich ihn fragte, ob wir uns nicht auf Facebook anmelden wollen, war er erstmal etwas skeptisch.“ Die Idee schlug ein wie eine Bombe. Der Kapitän erzählt, Kruecken schreibt. „An einem Wochenende erhält der Kapitän um die 600 Nachrichten.“ Doch die Fans kontaktieren ihn nicht nur wegen seines Engagements für die Flüchtlinge, sondern auch wenn es um Eheprobleme oder andere Lebensfragen geht. „Eine Art Briefkastenonkel bin ich mittlerweile“, sagt Schwandt und zwinkert. Er selbst ist seit 45 Jahren verheiratet.

Schwur wegen Nazi-Vater

Seinen Weisheits-Status hat der Seebär der eigenen Geschichte zu verdanken, das liest man aus „Sturmwarnung“ heraus. Mit 16 Jahren heuerte Jürgen Schwandt das erste Mal auf einem Schiff an. Er wollte fort aus dem zerbombten Hamburg, weg vom eigenen Vater, der überzeugter Nationalsozialist war. „Die Konfrontation wurde immer härter“, sagt Schwandt. „Er leugnete den Holocaust, all die Gräueltaten, bis zum Schluss.“

<p>Mit Kippe vor dem Hafen: Schwandt ist ein Hamburger Original.</p>

Mit Kippe vor dem Hafen: Schwandt ist ein Hamburger Original.

Foto: dpa

Damals schwor sich Schwandt, gegen rechts anzutreten. „Der blinde Fremdenhass ist auch heute zu spüren. Früher waren es die Juden, die an allem Schuld waren, heute sind es die Flüchtlinge.“  Schwandt befeuert Debatten auf seiner Facebook-Seite. Doch er zieht mit seiner konfrontativen Art auch die Aufmerksamkeit von Gegnern auf sich: Beleidigungen, Hassbriefe, Drohungen - insbesondere von Menschen, die der NPD nahestehen.

Gegen einige muss er rechtlich vorgehen. Doch glücklicherweise hat er eine große Gemeinschaft an Unterstützern hinter sich. „Mit all dem habe ich am Anfang gar nicht gerechnet“, erzählt er. Langeweile komme bei ihm jedenfalls nicht auf. Die See vermisse er trotz allem.

Wenn man Kapitän Schwandt fragt, welchen Ort auf der Welt er am liebsten bereist hat, ist die Antwort klar. „Die Karibik, vor allem Havanna, das Seefahrer-Paradies mit seinen hellbraungebrannten, warmherzigen Schönheiten.“ Er lacht und zwinkert. Doch für diese langen Reisen sei er leider zu alt geworden. Dafür geht es dieses Jahr zusammen mit Stefan Kruecken auf eine Kreuzfahrt nach England und Schottland, danach ins östliche Mittelmeer. Denn Entspannen kann der Kapitän am besten auf dem Schiff.

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erstellt am 01.Sep.2016 | 12:30 Uhr

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