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28. Juni 2016 | 09:57 Uhr

Protest auf dem Fahrrad : Critical Mass Hamburg: „Wir sind der Verkehr“

vom

Hamburgs Autofahrer brauchen am Freitag starke Nerven: Schuld sind nicht der Elbtunnel und die Baustellen, sondern 4000 Fahrräder, die sich im Pulk durch die Straßen der Innenstadt bewegen. Critical Mass nennt sich dieser friedliche Protest für die Gleichberechtigung der Radfahrer.

Hamburg | „Öffentliches Straßenland“ – so nennen sich die graugeteerten Lebensadern auf Beamtendeutsch. Die offizielle Bezeichnung zeigt an: Straßen gehören der Öffentlichkeit. Sie gehören uns allen. Doch im Alltag herrscht das Gesetz des Stärkeren, Autos und Busse haben Vorfahrt. Wer auf das Fahrrad schwört, wird von Autofahrern mit Glück geduldet, oft sogar gefährdet.

Das soll sich ändern, findet die immer größer werdende Anhängerschaft der Critical-Mass-Bewegung. Der stille Aufstand der Fahrradenthusiasten, angefangen mit ein paar hundert Teilnehmern in den 90ern, schwillt in vielen deutschen Städten immer weiter an.

Um die 4000 Radfahrer, alle in einer Kolonne, bringen im April dieses Jahres den motorisierten Verkehr in der Hamburger Innenstadt zum Erliegen – ein bundesweiter Rekord. Am Freitag, 30. Mai, rechnen Insider mit einer noch größeren Teilnehmerzahl als im Vormonat. In Hamburg hat die Bewegung im Jahr 2000 mit 16 Teilnehmern begonnen.

Seit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke organisieren sich die kritischen Radler über Facebook, die Bewegung wird viral. Dort wird erst kurz vor dem Start der großangelegten Radtour der jeweilige Treffpunkt festgelegt, einen Veranstalter oder Sprecher für die Bewegung gibt es nicht. Auch in kleineren Städten wie Flensburg und Rendsburg hat sich inzwischen eine Critical Mass formiert. Jeden letzten Freitag im Monat um 19 Uhr trifft sich der Pulk in verschiedenen Städten der Welt zur Spazierfahrt. Die weltweit größte Critical Mass kam in Budapest zustande – dort legen 2008 knapp 80.000 Drahtesel die Innenstadt lahm.

Was viele Autofahrer nicht wissen: Rechtlich können die Radfahrer in Deutschland für die Verkehrsblockade nicht belangt werden. Nach der StVO kann eine Gruppe von mehr als 15 Radfahrern einen Verband bilden, für den sinngemäß die Verkehrsregeln eines einzelnen Fahrzeugs gelten. Somit muss sich nur der vorderste Radler an die Ampelschaltung halten.

Während wutschnaubende Autofahrer sicherlich zum Amüsement der Teilnehmer beitragen, liegen die Beweggründe der Protestfahrt an anderer Stelle: Die Fahrradfahrer wollen auf ihre Rechte gegenüber dem motorisierten Straßenverkehr aufmerksam machen und auf verkehrspolitische Missstände hinweisen – immer nach dem Motto „Wir blockieren nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr“.

Auch Dirk Lau, Sprecher des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V.) Hamburg, weiß um die Probleme der Radfahrer in der Hansestadt: Zu Stoßzeiten blockieren Automassen sämtliche Hauptverkehrsstraßen. „Für Fahrradfahrer ist es dann schwierig, sich durch die Innenstadt zu kämpfen“, berichtet er. Das Problem sieht Lau in einer mangelhaften Infrastruktur für Radfahrer, deren Zahl auch in Hamburg immer weiter steigt. „Der Radverkehr muss auf der Straße stattfinden“, fordert er. Radfahrstreifen auf der Fahrbahn, vor allem auf den Hauptverkehrsadern, sieht er als befriedigende Lösung des Problems. Auf diese Weise wird zum Beispiel der üppige Radverkehr bei unseren Nachbarn in Kopenhagen seit Jahren erfolgreich geregelt.

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erstellt am 29.Mai.2014 | 16:53 Uhr

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